Ein neues Leiden! ein Schmerz, der unbegreiflich ist für alle, die nicht mit überwältigendem und wildem Despotismus lieben; denn für solch einen Liebenden führt das geringste zu ungeheuerlicher Eifersucht, zu dem beständigen Wunsche, das geliebte Wesen allen Einflüssen zu entziehen, die nichts mit seiner Liebe zu tun haben.

»Was?« dachte Vandenesse bei sich. »Sie hat zufriedene Menschen gesehen und bei sich empfangen, hat mit ihnen gesprochen, während ich einsam und unglücklich war!«

Er begrub seinen Schmerz und versenkte seine Liebe

im Grunde seines Herzens, wie man einen Sarg ins Meer versenkt. Seine Gedanken waren von der Art, die man nicht ausspricht, sie hatten die rasche Wirkung jener Säuren, die, so schnell sie sich verflüchtigen, doch töten. Inzwischen bewölkte sich seine Stirn, und Frau d'Aiglemont gehorchte dem weiblichen Instinkt, indem sie diese Traurigkeit teilte, ohne daß sie sie verstand. Es war nicht ihre Schuld, wenn sie Leid verursachte, und Vandenesse begriff das.

Er sprach von seinem Zustand und seiner Eifersucht, als wenn dies eine der Hypothesen wäre, über die ein Liebespaar immer gerne spricht. Die Marquise verstand alles und wurde jetzt so innig gerührt, daß sie die Tränen nicht zurückhalten konnte.

Mit diesem Augenblick traten sie in den Himmel der Liebe ein. Der Himmel und die Hölle sind zwei große Gedichte und bilden die beiden einzigen Punkte, um die sich unser Leben dreht: die Freude oder der Schmerz. Was ist denn der Himmel, und was wird er ewig sein? Ein Abbild der unendlichen Fülle unserer Freuden, die stets nur in ihren Einzelheiten dargestellt werden können, weil das Glück ein einziges Ganzes ist. Und die Hölle? Stellt sie nicht die unendlichen Qualen unserer Schmerzen dar, aus denen wir nur deshalb ein Werk der Poesie machen können, weil sie alle einander unähnlich sind?

Eines Abends saßen die beiden Liebenden allein und schweigend nebeneinander. Sie betrachteten eine der schönsten Phasen des Firmaments, einen jener reinen Himmel, die letzten Strahlen der untergehenden Sonne mit Tinten von Gold und Purpur bekleiden. Um diese Zeit des Tages scheint das langsame Abnehmen des Lichts süße Empfindungen zu erwecken; unsere Leidenschaften

regen sich leise, und wir fühlen wonnevoll eine gewisse Aufregung inmitten der Stille.

Die Natur zeigt uns das Glück an unbestimmten Bildern. Ist es uns nahe, so scheint sie uns aufzufordern, es zu genießen. Hat es uns geflohen, so versetzt sie uns in die Stimmung, daß wir es betrauern. In diesen bezaubernden Augenblicken, unter dem Baldachin dieses Lichtes, dessen zarte Harmonien zu intimen Reizen zusammenfließen, ist es schwer, den Stimmen des Herzens zu widerstehen, denen dann so viel Zauberkraft innewohnt. Dann läßt der Kummer nach, die Freude berauscht, und der Schmerz wird so schwer, daß man ihn endlich abwerfen möchte. Die Pracht des Abends ist das Zeichen für Liebeserklärungen und fordert dazu heraus. Das Schweigen wird gefährlicher als die Rede, denn es teilt dem Auge die ganze Gewalt des unendlichen Himmels mit, der sich in ihm spiegelt. Wenn man spricht, so besitzt das geringste Wort eine unwiderstehliche Kraft. Ist dann nicht auch Licht in der Stimme, Purpur im Blick? Ist nicht der Himmel gleichsam in uns, oder dünkt es uns nicht, im Himmel zu sein?

Vandenesse und Julie – denn seit einigen Tagen ließ sie sich so vertraulich nennen, während es ihr gefiel, ihn Karl zu nennen – Vandenesse und Julie sprachen miteinander; aber der primitive Gegenstand ihres Gesprächs war ihnen ganz fern; sie wußten kaum noch, was ihre Worte für Sinn hätten – dafür lauschte sie mit um so größerer Wonne den geheimen Gedanken, die sich hinter diesen Worten versteckten. Die Hand der Marquise lag in der Vandenesses, und sie überließ sie ihm, ohne zu glauben, daß dies eine Gunstbezeugung wäre.