Als Karl nicht mehr da war, als sein leerer Stuhl für ihn sprach, empfand sie tausendfaches Bedauern und fühlte sich im Unrecht. In dem Augenblick, wo eine Frau unedel gehandelt oder eine edle Seele verletzt zu haben glaubt, macht die Liebe in ihr einen riesigen Fortschritt. Vor bösen Gefühlen in der Liebe braucht man niemals Angst zu haben; sie sind sehr heilsam. Immer nur eine Tugend ist's, was die Frauen zu Fall bringt. »Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert,« das ist durchaus nicht bloß ein Paradoxon der Kanzel.

Ein paar Tage lang ließ Vandenesse sich nicht sehen. An jedem Abend erwartete die Marquise ihn zu der gewohnten Besuchsstunde mit reuevoller Ungeduld. Schreiben

wäre ein Geständnis gewesen; und dann sagte ihr auch ihr Instinkt, er werde wiederkommen. Am sechsten Tage meldete der Kammerdiener ihn an. Niemals zuvor hatte sie diesen Namen mit so großer Freude nennen hören. Sie erschrak über diese Freude.

»Sie haben mich recht schwer bestraft,« sagte sie zu ihm.

Vandenesse sah sie verblüfft an.

»Bestraft?« fragte er. »Und wofür?«

Karl verstand die Marquise sehr wohl; aber da sie ahnte, welche Leiden sie ihm verursacht hatte, wollte er sich im selben Augenblick dafür an ihr rächen.

»Warum haben Sie mich nicht besucht?« fragte sie lächelnd.

»Es ist also niemand bei Ihnen gewesen?« sagte er, um keine unmittelbare Antwort zu geben.

»Herr de Ronquerolles und Herr de Marsay, ferner der kleine d'Escrignon sind hier gewesen, die einen gestern, der andere heute mittag, gegen zwei Uhr. Ich glaube, ich habe auch Frau Firmiani und Ihre Schwester gesehen, Madame de Listomere.«