Ein einfacher Saum umgab den Kragen des kleinen braunen Mädchens, während hübsche Stickereien den des Knaben schmückten und ein Herzensgeheimnis verrieten, eine stillschweigende Bevorzugung, die die Kinder aber doch in der Seele ihrer Mutter erkennen, gleich als sei der Geist Gottes in ihnen.
Sorglos und lustig, glich der Blonde einem kleinen Mädchen, so zart war seine weiße Haut, so anmutig seine Bewegungen, so süß sein Gesicht; während die ältere trotz ihrer Kraft, trotz der Schönheit ihrer Züge und ihres blendenden Teints einem kleinen kränklichen Jungen glich. Ihre lebhaften Augen hatten nicht jenen feuchten Schleier, der Kinderaugen soviel Reiz verleiht; sie schienen von einem innern Feuer ausgetrocknet zu sein, wie etwa bei Leuten, die in der Atmosphäre eines königlichen Hofes leben müssen. Das Weiße ihrer Augen hatte auch einen gewissen Stich ins Fahle, Gelbliche – ein Zeichen für einen ungestümen Charakter.
Zweimal hatte ihr kleiner Bruder ihr mit einer rührenden Anmut, mit fröhlichem Blick und einer ausdrucksvollen Miene, die unsern Kindermaler Charlet entzückt haben würde, das kleine Jagdhorn hingereicht, auf dem er von Zeit zu Zeit blies. Aber jedesmal hatte das Mädchen auf seine in liebkosendem Tone gestellte Frage: »Willst du's haben, Helene?« nur mit einem barschen Blick geantwortet.
Sie trug eine unbekümmerte Miene zur Schau und war dennoch finster, ja schrecklich; denn sie zitterte und wurde rot, wenn ihr Bruder sich ihr näherte. Aber der Kleine schien die düstere Stimmung seiner Schwester nicht zu bemerken, und sein Wesen, halb Sorglosigkeit, halb Interesse, vollendete den Gegensatz zwischen ihm und der
Schwester: hier der wahre Charakter der Kindheit, dort die Sorge und das Wissen des Erwachsenen, scharf ausgeprägt auf einem schon verdüsterten Mädchengesicht.
»Mama, Helene will nicht spielen,« rief der Kleine und benutzte, um eine Beschwerde vorzubringen, einen Augenblick, wo seine Mutter und der junge Mann schweigend auf der Gobelinsbrücke stehengeblieben waren.
»Laß sie, Karl. Du weißt, sie murrt immer.«
Diese Worte, die die Mutter leicht hinwarf, während sie sich gleich darauf mit dem jungen Manne wieder umdrehte, entlockten Helene Tränen. Sie verschluckte sie stumm, warf ihrem Bruder einen jener tiefen Blicke zu, die mir unerklärlich schienen, und betrachtete mit einer Miene, die fast einen unheilvollen Scharfsinn verriet, erst den schroffen Abhang, auf dessen Spitze der Kleine stand, dann den Bièvrefluß, die Brücke und mich.
Ich fürchtete, von dem glücklichen Paar gesehen zu werden, dessen Unterhaltung ich dann ohne Zweifel gestört haben würde; ich zog mich leise zurück und suchte Zuflucht hinter einer Hollunderhecke, deren Laubwerk mich völlig allen Blicken verbarg. Ich setzte mich ruhig auf den Rand des Abhangs und betrachtete schweigend bald die wechselnden Schönheiten der Gegend, bald das wilde Mädchen, das ich durch die Lücken des Hollunders noch genau sehen konnte, denn ich hatte den Kopf an den Fuß der Hecke gelehnt, wo er sich fast in gleicher Höhe mit dem Boulevard befand.
Als Helene mich nicht mehr sah, schien sie unruhig; ihre schwarzen Augen suchten mich in der Ferne der Allee, hinter den Bäumen, kurz, sie sah sich mit unerklärlicher Neugierde nach mir um. Was hatte sie an mir? In diesem Augenblick erschallte in der Stille das naive Lachen