Karls wie der Gesang eines Vogels. Der junge Mann, ebenso blond, ließ ihn in seinen Armen tanzen und küßte ihn, wobei er ihn mit einer Fülle von zusammenhanglosen Koseworten überschüttete, wie wir sie eben an Kinder richten, ohne uns an den eigentlichen Sinn der Worte zu kehren.
Die Mutter sah lächelnd diesem Spiele zu und sprach von Zeit zu Zeit mit leiser Stimme wohl ein paar von Herzen kommende Worte; denn ihr Gefährte hielt dann ganz glücklich inne und sah sie mit seinen blauen Augen voll Feuer, voll Anbetung an. Ihre Stimmen, wie sie sich so mit der des Kindes vermischten, hatten etwas überaus Zärtliches, Inniges an sich. Sie bildeten alle drei ein entzückendes Bild, und dieses zärtliche Bild verlieh der großartigen Landschaft, in die es hineingestellt war, eine unsagbare Anmut und Weichheit.
Eine schöne, weiße, lachende Frau, ein Kind der Liebe, ein in Jugend strahlender Mann, ein reiner Himmel und alle Harmonie der Natur – das alles schmolz zu einem Einklang zusammen, der der Seele unendlich wohltat. Ich ertappte mich über einem Lächeln, als wenn das Glück mein eigenes gewesen wäre. Der schöne junge Mann hörte es neun schlagen. Nachdem er seine fast ernst und traurig gewordene Gefährtin geküßt hatte, kehrte er zu seinem zweiräderigen Wagen zurück, den ein alter Diener langsam heranführte. Der junge Mann küßte ein letztes Mal noch das Kind, das dazwischen lustig schwatzte. Als der Herr hinwegfuhr und die junge Frau dem rollenden Wagen nachsah, der in der grünen Allee des Boulevards eine Staubwolke hinter sich zurückließ, lief Karl zu seiner Schwester, die an der Brücke stand, und ich hörte ihn mit silberner Stimme zu ihr sagen:
»Warum hast du nicht auch meinem guten Freund Adieu gesagt?«
Als Helene ihren Bruder an dem Rande des Abhanges sah, warf sie ihm den entsetzlichsten Blick zu, der je die Augen eines Kindes entflammt hat, und gab ihm einen heftigen Stoß. Der Knabe glitt an dem steilen Hang aus und stolperte über Wurzeln, so daß er gegen die scharfen Steine der Mauer fiel. Er zerschlug sich die Stirn an ihnen, und gleich darauf stürzte er blutend in das schlammige Wasser des Flusses, das in tausend braunen Kreisen vor seinem hübschen blonden Kopf zur Seite wich. Ich hörte den schrillen Schrei des armen Kleinen; aber bald war nichts mehr zu hören – er verschwand im Schlamme mit einem gurgelnden Laut, wie ein Stein, wenn er versinkt. Der Sturz hatte sich mit Blitzesschnelle vollzogen. Ich erhob mich rasch und stieg auf einem Pfade hinab. Helene war außer Fassung und schrie herzzerreißend:
»Mama! Mama!«
Die Mutter war neben mir. Sie war wie ein Vogel geflogen. Aber weder die Augen der Mutter, noch die meinen konnten die Stelle entdecken, wo das Kind versunken war. Eine große Fläche des schwarzen Wassers war in brodelnde Bewegung geraten. Das Bett der Bièvre hat an dieser Stelle zehn Fuß tiefen Schlamm. Das Kind mußte darin sterben, es war unmöglich, es zu retten. Zu dieser Stunde – es war ein Sonntag – feierte alles, und man sah weder Kähne noch Fischer. Ich sah nicht einmal eine Stange, um den modrigen Fluß zu untersuchen, und kein Mensch war weit und breit zu sehen.
Warum hätte ich nun von diesem unheilvollen Vorgange
sprechen oder das Geheimnis dieses Unglücks verraten sollen? Helene hatte vielleicht ihren Vater gerächt. Ihre Eifersucht war ohne Zweifel das Schwert Gottes. Dennoch erfaßte mich ein Schauder, als ich die Mutter ansah. Welchem entsetzlichen Verhör würde nicht ihr Mann, ihr ewiger Richter, sie unterwerfen? Und sie hatte immer einen unbestechlichen Zeugen bei sich. Kinder haben eine durchsichtige Stirn und Haut, und die Lüge ist bei ihnen wie ein Licht, das selbst den Blick erröten läßt. Die unglückselige Frau dachte noch nicht an die Strafe, die zu Hause ihrer harrte. Sie starrte in die Bièvre.
Ein solches Ereignis mußte das Leben jeder Frau furchtbar erschüttern, und es war das einer der schrecklichsten Schläge, die von Zeit zu Zeit über Juliens Liebe hereinbrachen.