Oberst Victor d'Aiglemont, kaum dreißig Jahre alt, war groß, wohlgebaut und schlank. Sein glückliches Ebenmaß kam nie besser zur Geltung, als wenn er seine Kraft anwandte, ein Pferd zu regieren, dessen eleganter, glatter Rücken sich unter ihm zu beugen schien. Sein männliches, braunes Gesicht besaß jenen unerklärlichen Reiz, den eine vollkommene Regelmäßigkeit der Züge jungen Gesichtern verleiht. Seine Stirn war groß und hoch. Seine feurigen Augen, von dichten Brauen beschattet und mit langen Wimpern besetzt, zeichneten sich wie zwei weiße Ovale zwischen schwarzen Umrissen ab. Seine Nase hatte die graziöse Biegung des Adlerschnabels. Den Purpur der Lippen hob der feine Schwung des unvermeidlichen schwarzen Schnurrbarts noch mehr hervor. Seine vollen Wangen zeigten die braune, gelbe Färbung, die auf außerordentliche Körperkraft deutet. Sein Gesicht – eines von denen, die den Stempel der Tapferkeit tragen – hatte jenen Typus, den noch heute der Künstler sucht, wenn er einen der Helden aus der französischen Kaiserzeit darstellen will.

Das Pferd war in Schweiß gebadet, und sein Kopf zitterte in heftiger Ungeduld. Die breit aufgestellten Vorderfüße standen in einer Linie, ohne daß einer über den andern hinausragte. Das lange Haar seines dichten

Schweifs wogte hin und her. Die Ergebenheit dieses Tiers gegen seinen Herrn bot ein körperliches Abbild der Ergebenheit seines Herrn gegen seinen Kaiser.

Als Julie ihren Geliebten so ganz an den Augen Napoleons hängen sah, erfüllte sie der Gedanke, daß er sie noch gar nicht angesehen hätte, mit Eifersucht. Plötzlich spricht der Herrscher ein Wort, Victor gibt seinem Pferd die Sporen und sprengt im Galopp davon. Aber der Schatten eines Prellsteins auf dem Sande macht das Pferd scheu – es stutzt, weicht zurück und bäumt sich so heftig, daß der Reiter in Gefahr scheint.

Julie wird blaß und stößt einen Schrei aus. Alles wirft ihr neugierige Blicke zu, sie aber sieht niemand. Ihre Augen sind nur auf dieses so wilde Pferd gerichtet, das der Offizier zum Gehorsam zwingt, um im Galopp Napoleons Befehle weiterzutragen. Diese betäubenden Bilder nahmen Juliens Sinne so völlig gefangen, daß sie, ohne es zu wissen, sich fest an den Arm des Vaters klammerte und diesem unwillkürlich durch den stärkeren oder schwächeren Druck ihrer Finger verriet, was in ihr vorging.

Als Victor beinah von seinem Pferde abgeworfen wurde, faßte sie noch fester zu und drohte zu fallen. Der alte Herr betrachtete mit düsterer, schmerzlicher Unruhe das Antlitz seines Kindes, und Gefühle wie Mitleid, Eifersucht, ja Kummer zeigten sich in seinem runzligen Gesicht. Aber als das ungewohnte Aufblitzen ihrer Augen, der Schrei, den sie ausstieß, und die krampfhafte Umspannung ihrer Finger ihm den letzten Rest einer geheimen Liebe offenbart hatten, da mußte er wohl mit Trauer der Zukunft gedenken, denn sein Gesicht nahm jetzt einen finstern Ausdruck an. In diesem Augenblick schien Juliens

Seele in die des Offiziers übergegangen zu sein. Ein noch grausamerer Gedanke, als alle, die den alten Herrn bisher erschreckt hatten, grub sich in die Falten seines leidenden Gesichts ein, als er d'Aiglemont im Vorbeireiten einen Blick des Einverständnisses mit Julie wechseln sah, deren Augen feucht waren, deren Antlitz sich auffallend gerötet hatte. Fast grob führte er seine Tochter plötzlich nach dem Garten der Tuilerien.

»Aber, Papa,« sagte sie, »es stehen doch noch Regimenter auf der Reitbahn, die sollen auch noch manövrieren.«

»Nein, mein Kind, alle Truppen rücken ab.«

»Ich glaube, Sie irren sich, mein Vater. Herr d'Aiglemont hat ihnen den Befehl gebracht, anzutreten.«