Herr de Vandenesse und die Marquise standen bestürzt da, wie unter dem jähen Schlag eines Unglücks, das ihnen die Kraft, zu denken und zu handeln, raubte.
»Gustav, wirst du den Mund halten!« rief der General. »Ich habe dir doch verboten zu erzählen, was im Theater geschehen ist, und du vergißt schon mein Geheiß?«
»Euer Gnaden mögen verzeihen,« sagte der Notar, »die Schuld trifft mich, denn ich habe ihn gefragt – aber ich wußte ja nicht, wie ernst …«
»So durfte er nicht antworten,« sagte der Vater und sah seinen Sohn streng an.
Der Diplomat und die Marquise hatten nun aber doch die Ursache erfahren, weshalb die Kinder und der
Vater so plötzlich zurückgekehrt waren. Die Mutter sah ihre Tochter an, sah sie weinen und erhob sich, um zu ihr zu gehen; aber ihr Gesicht verzog sich dabei heftig und nahm den Ausdruck einer maßlosen Strenge an.
»Genug, Helene,« sagte sie zu ihr, »trockne im Nebenzimmer deine Tränen.«
»Was hat sie denn getan, diese arme Kleine?« sagte der Notar, der zugleich die zornige Mutter und die weinende Kleine beschwichtigen wollte. »Sie ist so hübsch – sie muß das gescheiteste Kind von der Welt sein. Ich bin überzeugt, gnädige Frau, sie macht Ihnen nur Freude. Nicht wahr, meine Kleine?«
Helene sah zitternd ihre Mutter an, wischte die Tränen ab, versuchte, ein ruhiges Gesicht zu zeigen, und flüchtete ins Nebenzimmer.
»Und gewiß,« schwatzte der Notar noch immer weiter, »gnädige Frau sind eine gute Mutter und werden alle Ihre Kinder in gleichem Maße lieben. Sie sind übrigens zu tugendhaft zu jener traurigen Bevorzugung, deren unheilvolle Folgen ganz besonders deutlich wir Notare zu sehen bekommen. Uns läuft die Gesellschaft sozusagen durch die Finger. Wir sehen daher auch die Leidenschaften in ihrer häßlichsten Gestalt: der Selbstsucht. Hier will eine Mutter die Kinder ihres Mannes um ihr Erbe bringen zugunsten der Kinder, denen sie den Vorzug gibt. Auf der andern Seite will der Mann manchmal sein Vermögen ganz dem Kinde zukommen lassen, das den Haß der Mutter verdient hat. Und da gibt es dann Kämpfe, Urkunden, Gegenverschreibungen, Scheinverkäufe, Fideikommisse – kurz, ein bedauernswertes Tohuwabohu – auf Ehre, bedauernswert! Hier bringen Väter ihr Leben lang Kinder um ihr Erbe, indem sie das Gut ihrer Frauen