Nur hatte dieses Mädchen nichts Gebrechliches, nichts Schwaches an sich, und ihr Herz mußte ebenso sanft sein, ihre Seele ebenso stark, wie ihr Äußeres gebieterisch und ihr Gesicht lieblich war. Sie beobachtete das gleiche Schweigen, wie ihr Bruder, der Lyzeumsschüler, und schien ganz in eine jener mädchenhaften Grübeleien versunken zu sein, die oft dem Auge eines Vaters, ja dem Scharfblick einer Mutter entgehen. Man weiß dann nicht, ob man die Schatten, die unbestimmt über das Gesicht huschen, wie schwache Wölkchen über einen klaren Himmel, dem Spiel des Lichts oder geheimem Kummer zuschreiben soll.

Der Mann und die Frau beschäftigten sich in diesem Augenblick gar nicht mit den beiden älteren Kindern. Dennoch hatte mehrmals ein prüfender Blick des Generals die stumme Szene überschaut, die den zweiten Teil dieses häuslichen Gemäldes bildete und schon eine anmutige Verwirklichung der Hoffnungen darstellte, die das Kinderspiel im Vordergrunde leise andeutete. Diese Gestalten gaben ein Abbild des menschlichen Lebens in seinen verschiedenen Abstufungen und schlossen sich zu einer Art lebenden Gedichts zusammen. Die luxuriöse Ausstattung des Salons, die verschiedenen Stellungen, die Gegensätze der verschieden gefärbten Kleidung, die Kontraste der Gesichter, die die Altersunterschiede an sich schon und dann auch die Lichteffekte hervortreten ließen, breiteten über dieses Menschheitsbild all den Reichtum und die Mannigfaltigkeit, die man von den Darstellungen eines Bildhauers, eines Malers, eines Schriftstellers fordert.

Schließlich verliehen noch die Stille und der Winter, die Einsamkeit und die Nacht dieser erhabenen und naiven

Szene die ihnen eigne Majestät, einen köstlichen Natureffekt hinzufügend. Das eheliche Leben hat viele solcher geheiligten Stunden, deren unerklärlicher Reiz vielleicht auf das Hineinspielen einer bessern Welt zurückzuführen ist. Ohne Zweifel schimmern himmlische Strahlen über diesen Szenen, die den Menschen für einen Teil seiner Leiden belohnen und ihm das Erdenleben erträglich machen sollen. Dann gewinnt für unser Auge die ganze Welt eine wohlgefällige Form, wir erhalten Einblick in die erhabene Ordnung des Weltgeists, und auch die Gesetze des Gesellschaftslebens erscheinen uns gerechtfertigt im Sinne der Zukunft.

Obwohl Helene einen zärtlichen Blick auf Abel und Moina warf, als die beiden wieder einmal in hellen Jubel ausbrachen, und obwohl ihr Gesicht vor Glück strahlte, wenn sie verstohlen ihren Vater betrachtete, so lag doch der Ausdruck einer tiefen Schwermut in ihren Gebärden, in ihrer Haltung und vor allem in ihren von langen Wimpern verschleierten Augen. Ihre weißen, kräftigen Hände, durch die das Licht fiel, um ihnen ein durchscheinendes, fast flüssiges Rosa mitzuteilen – jawohl, diese Hände zitterten. Ein einziges Mal begegneten sich unversehens Helenens Augen und die der Marquise. Diese beiden Frauen sagten sich da mit einem einzigen Blick ihre Meinung: er war kalt und ehrerbietig bei Helene, finster und drohend bei der Mutter.

Helene schlug sogleich die Augen zu ihrer Arbeit nieder, bewegte flink die Nadel und hob lange Zeit den Kopf nicht wieder, der ihr fast zu schwer zu werden schien. War die Mutter übermäßig streng gegen ihre Tochter, und hielt sie diese Strenge für notwendig? War sie eifersüchtig auf die Schönheit Helenens, mit der sie schließlich noch den

Kampf aufnehmen konnte, freilich nur, wenn sie allen Zauber der Toilette entfaltete? Oder hatte dieses Mädchen, wie viele Mädchen, wenn ihr Blick sich klärt, Geheimnisse durchschaut, die die dem Anschein nach ihren Pflichten so treue Frau in ihr Herz ebenso tief wie in ein Grab zu versenken geglaubt hatte?

Helene war in ein Alter gekommen, wo die Reinheit der Seele manchmal eine Gesinnung mit sich bringt, deren Härte gegen sich selbst das richtige Maß überschreitet, und zu einem fast unnatürlichen Gefühl wird. In gewissen Geistern nehmen Fehler die Größe von Verbrechen an; dann wirkt die Phantasie noch auf das Gewissen ein, und die jungen Mädchen übertreiben dann die Bestrafung, die sie sich selbst auferlegen, als wenn sie eine Missetat begangen hätten.

Helene schien sich selbst für ganz unwürdig zu halten. Ein Geheimnis ihres früheren Lebens, ein unglücklicher Zufall vielleicht, den sie zuerst gar nicht verstanden, der aber, als ihr Verstand empfänglicher wurde und der Einfluß religiöser Begriffe sich geltend machte, an Bedeutung immer mehr gewonnen hatte, schien vor kurzem erst schließlich dazu geführt zu haben, daß sie in romantischer Übertreibung sich in ihren eigenen Augen tief erniedrigt hatte.

Dieses veränderte Benehmen hatte an dem Tage begonnen, als sie in einer vor kurzem erschienenen Ausgabe ausländischer Theaterstücke die schöne Tragödie ›Wilhelm Tell‹ von Schiller las. Die Mutter schalt die Tochter, daß sie das Buch hatte fallen lassen, und bemerkte dann, daß der Aufruhr, den diese Lektüre in Helenens Seele hervorgerufen hatte, im besondern auf die Szene zurückzuführen war, wo der Dichter eine Art von Brudergemeinschaft aufstellt