zwischen Wilhelm Tell, der zur Befreiung eines ganzen Volks Menschenblut vergießt, und zwischen Johann Parricida.
Helene wurde demütig, fromm und nachdenklich und wünschte nicht mehr zu Balle zu gehen. Noch nie war sie so zärtlich zu ihrem Vater gewesen, besonders wenn die Mutter ihre mädchenhaften Schmeicheleien und Liebkosungen nicht mitansah. Und wenn auch in dem Verhältnis zur Mutter eine gewisse Kälte herrschte, so kam sie doch so wenig zum Ausdruck, daß der General nichts davon bemerken konnte, so eifersüchtig er auch auf Einmütigkeit in seiner Familie hielt. Keines Menschen Augen wären scharfblickend genug gewesen, die Tiefen dieser beiden Frauenherzen zu ergründen: das eine war jung und edelmütig; das andere stolz und feinfühlend; das erste voll Duldsamkeit, das zweite voll Klugheit bei aller Liebe. Wenn die Mutter einen gewissen Despotismus gegen die Tochter walten ließ, so merkte jedenfalls niemand, als die Tochter selbst, auch nur das geringste von dieser weiblichen Zucht.
Übrigens ließen erst die Dinge, die da kommen sollten, diese unlösbaren Mutmaßungen aufkommen. Bis zu dieser Nacht war noch nie der Blitz einer Anklage diesen beiden Seelen entfahren; aber zwischen ihnen und Gott stand sicherlich ein finsteres Geheimnis.
»Nun, hurtig, Abel,« rief die Marquise und benützte einen Augenblick, wo Moina und ihr Bruder ermüdet waren und sich still verhielten, »komm, mein Sohn, du mußt zu Bett …«
Und sie warf ihm einen gebieterischen Blick zu und nahm ihn rasch auf die Knie.
»Was?« sagte der General, »es ist halb elf Uhr, und
von unserer Dienerschaft ist noch niemand zurückgekommen? So eine Sippschaft! – Gustav,« setzte er hinzu, sich zu seinem Sohne wendend, »ich habe dir das Buch nur unter der Bedingung gegeben, daß du es um zehn Uhr weglegen solltest. Du hättest es zu der festgesetzten Stunde von selbst zuklappen und schlafen gehen sollen, wie du es mir versprochen hattest. Wenn du einmal ein tüchtiger Mensch werden willst, muß dir dein Wort ein zweites Glaubensbekenntnis sein, und du mußt daran festhalten, wie an deiner Ehre. Fox, einer der größten Redner Englands, zeichnete sich ganz besonders durch Schönheit seines Charakters aus. Die Treue gegen die übernommenen Verpflichtungen ist die hauptsächlichste seiner Eigenschaften. In seiner Kindheit hatte sein Vater, ein Engländer vom alten Schlage, ihm eine sehr nachdrückliche Lehre erteilt, die einen untilgbaren Eindruck auf das Gemüt eines kleinen Kindes machen mußte. Als Fox so alt war wie du, war er während der Ferien bei seinem Vater, der, wie alle reichen Engländer, einen ziemlich großen Park um sein Schloß hatte. In diesem Park stand ein alter Kiosk, der niedergerissen und an einer andern Stelle, von wo man eine großartige Aussicht hatte, wieder aufgebaut werden sollte. Kinder sehen nun gern zu, wenn etwas niedergerissen wird. Der kleine Fox wollte noch ein paar Tage länger Ferien haben, um beim Abbruch des Pavillons mit dabei zu sein; aber sein Vater verlangte, daß er pünktlich zum Schulanfang ins Gymnasium zurückkehrte. Da gab es nun einen kleinen Aufstand zwischen Vater und Sohn. Die Mutter, wie alle Mamas, stand dem kleinen Fox bei. Der Vater versprach daher seinem Sohne feierlichst, mit der Niederreißung des Kioskes bis zu den nächsten Ferien zu warten. Fox
kehrte ins Gymnasium zurück. Der Vater glaubte, ein kleiner Junge würde über seinen Studien die ganze Geschichte vergessen; er ließ den Kiosk ruhig abreißen und an einer andern Stelle wieder aufbauen. Der eigensinnige Knabe aber dachte nur an den Kiosk. Als er wieder zu seinem Vater kam, war sein erstes, nach dem alten Bauwerk zu sehen; aber er kam ganz traurig zum Frühstück heim, und sagte zu seinem Vater: »Ihr habt mich belogen.« Der alte Gentleman verlor in seiner Verwirrung seine Würde nicht und antwortete: »Das ist wahr, mein Junge, aber ich werde meinen Fehler wieder gutmachen. Auf sein Wort muß man mehr halten als auf sein Geld, und alles Geld wäscht den Fleck nicht vom Gewissen, den ein Wortbruch zurückläßt.« Der Vater ließ den alten Pavillon, genau wie er gewesen war, wiederaufbauen, und als dies geschehen war, befahl er, ihn vor den Augen seines Sohnes abzutragen. Dies, Gustav, diene dir zur Lehre!«
Gustav hatte seinem Vater aufmerksam zugehört und schloß sofort das Buch. Einen Augenblick herrschte Schweigen, und der General nahm Moina an sich, die mit dem Schlaf kämpfte, und legte sie sanft auf seinen Schoß. Die Kleine ließ den haltlosen Kopf auf des Vaters Brust sinken und schlief dort gleich ein, eingehüllt in die goldenen Vorhänge ihres hübschen Haars.
In diesem Augenblick hallten eilige Schritte auf der Straße, und plötzlich geschahen drei Schläge gegen die Tür und weckten das Echo des Hauses. Diese langanhaltenden Schläge hatten einen ebenso eindringlichen Klang wie der Schrei eines Menschen in Todesgefahr. Der Wachhund heulte wütend. Helene, Gustav, der General und seine Frau zitterten heftig; aber Abel, dem die Mutter das