Sobald der General die Tür ein wenig geöffnet hatte, schlüpfte ein Mensch mit der phantastischen Geschwindigkeit eines Schattens herein; der General mußte nachgeben, denn der Unbekannte stieß die Pforte mit einem kraftvollen Fußtritt auf und lehnte sich gleich darauf entschlossen mit dem Rücken dagegen, wie um zu verhindern, daß man sie wieder öffne. Der General hob rasch die Pistole und die Blendlaterne zur Brust des Fremden, um ihm Respekt einzuflößen, und sah einen Mann von mittlerem Wuchs vor sich, der in einen weiten, nachschleppenden Pelzrock gehüllt war, wie ihn alte Leute tragen. Das Kleidungsstück schien daher auch nicht für ihn gemacht. Der Flüchtling trug, ob aus Vorsicht oder Zufall, den Hut tief auf der Stirn, bis an die Augen hinabgedrückt.
»Mein Herr,« sagte er zum General, »senken Sie die Mündung Ihrer Pistole. Ich will ja ohne Ihre Einwilligung gar nicht hierbleiben; aber wenn ich gehe, wartet meiner der Tod an der Barrière. Und welcher Tod! Sie hätten sich vor Gott dafür zu verantworten. Ich bitte Sie um Gastfreundschaft auf zwei Stunden. Bedenken Sie, mein Herr, so flehentlich ich auch bitte, so muß ich doch auch mit dem Despotismus der Notwendigkeit Forderungen stellen. Ich verlange arabische Gastfreundschaft. Ich muß Ihnen heilig sein. Wo nicht, so öffnen Sie, und ich werde sterben. Verschwiegenheit, ein Obdach und Wasser, das ist's, was mir nottut. O, Wasser!« wiederholte er in röchelndem Tone.
»Wer sind Sie?« fragte der General, überrascht von der fieberhaften Zungenfertigkeit, mit der der Unbekannte sprach.
»Ach, wer ich bin? Gut, so öffnen Sie, und ich gehe,« antwortete der Mensch im Tone höllischer Ironie.
Trotz der Geschicklichkeit, mit der der General das Licht seiner Laterne spielen ließ, konnte er nur den unteren Teil dieses Gesichts sehen, und da sprach nichts zugunsten einer so seltsam geforderten Gastfreundlichkeit: die Wangen waren blaß und zuckten, die Züge krampfhaft zusammengezogen. In dem Schatten, den der Hut warf, loderten die Augen wie zwei Lichter, die fast den schwachen Schein der Kerze überstrahlten. Doch, es mußte ihm eine Antwort gegeben werden.
»Herr,« sagte der General, »Ihre Rede ist so sonderbar, daß Sie wohl an meiner Stelle –«
»Mein Leben liegt in Ihrer Hand!« schrie der Fremde mit entsetzlicher Stimme, seinen Wirt unterbrechend.
»Zwei Stunden?« fragte der Marquis unschlüssig.
»Zwei Stunden,« wiederholte der Mensch.
Aber plötzlich stieß er mit einer Gebärde der Verzweiflung den Hut zurück, entblößte die Stirn und warf, als wollte er einen letzten Versuch machen, einen Blick, dessen heller Glanz dem General in die Seele drang. Dieser Strahl von Geist und Willenskraft glich einem Blitz und wirkte ebenso zermalmend; denn es gibt Augenblicke, wo den Menschen eine unerklärliche Macht verliehen ist.