So vergingen acht Tage, während deren die Gefühle des Malers und Adelaidens jene wonnigen und süßen Umbildungen erfuhren, durch die die Herzen zu einem vollkommenen Verständnis geführt werden. Der Blick, mit dem Adelaide den Maler empfing, wurde von Tag zu Tag inniger, vertrauensvoller, heiterer und offenherziger, ihre Stimme, ihr Benehmen nahm etwas Vertrauliches und Inniges an. Beide lachten, plauderten, teilten sich ihre Gedanken mit und sprachen über sich selbst mit der Unschuld zweier Kinder, die in einem Tage mit ihrer Bekanntschaft soweit gediehen, als hätten sie einander seit drei Jahren gekannt. Hippolyt spielte Pikett, aber wie der Greis verlor auch er fast alle Partien. Ohne sich noch ihre Liebe gestanden zu haben, wußten die beiden Liebenden schon, daß sie einander angehörten. Hippolyt hatte mit Glück eine gewisse Macht über seine schüchterne Freundin erlangt und manche Zugeständnisse waren ihm durch Adelaide gemacht, die furchtsam und ergeben war, und durch jenes falsche Schmollen getäuscht wurde, dessen Geheimnis auch der am wenigsten gewandte Liebhaber, die kindlichste Jungfrau besitzt und fortwährend anwendet, gleich wie verhätschelte Kinder die Macht mißbrauchen, die ihnen die Liebe ihrer Mütter verleiht. Jene Vertraulichkeit zwischen dem Edelmanne und Adelaide hörte infolgedessen auf. Das junge Mädchen hatte natürlicherweise die Traurigkeit des Malers erraten und alle die Gedanken, die in den Falten seiner Stirn verborgen waren oder sich verrieten durch den kurzen Ton der wenigen Worte, die er sprach, wenn der Greis ohne Umstände Adelaidens Hände oder Hals küßte. Fräulein Leseigneur verlangte auch ihrerseits von ihrem Liebhaber eine strenge Rechenschaft über seine geringsten Handlungen. Sie war so unglücklich, so besorgt, wenn Hippolyt nicht kam; sie verstand so allerliebst zu zanken, daß der Maler seine Freunde nicht mehr besuchte und alle anderen Gesellschaften vermied. Adelaide ließ die dem weiblichen Geschlecht angeborene Eifersucht durchblicken, als sie erfuhr, daß Hippolyt, wenn er sich um elf Uhr von Frau von Rouville entfernte, bisweilen noch in den glänzendsten Salons von Paris Besuche abstattete. Anfangs gab sie vor, daß diese Lebensart für die Gesundheit nachteilig sei; dann fand sie Gelegenheit, ihm mit jener tiefen Überzeugung, der der Ton, das Benehmen und der Blick einer geliebten Person soviel Gewalt verleihen, zu sagen, "daß ein Mann, der verpflichtet sei, zwischen so vielen Frauen seine Zeit und die Anmut seines Geistes zu zersplittern, keiner wahrhaft innigen Zuneigung fähig sei". Nun wurde Hippolyt sowohl durch den Despotismus der Leidenschaft, wie durch die Anforderungen des liebenden jungen Mädchens veranlaßt, nur in dieser kleinen Wohnung zu leben, in der ihm alles gefiel. Kurz, nie gab es eine reinere und zugleich heißere Liebe. Von beiden Seiten wurde dasselbe Zutrauen, dasselbe Zartgefühl gezeigt, so daß diese jungfräuliche Leidenschaft ohne jene Opfer sich entwickelte, durch die sich viele Leute ihre Liebe zu beweisen suchen. Es bestand zwischen ihnen ein beständiger Austausch süßer Gefühle, und sie wußten nicht, wer dabei mehr gab oder empfing; eine unwillkürliche Neigung verband ihre Herzen immer enger. Die Fortschritte dieses wahren Gefühls geschahen so schnell, daß schon zwanzig Tage nach dem Zufall, durch den Hippolyt seine junge Nachbarin kennen gelernt hatte, ihr beiderseitiges Leben ein einziges geworden war. Vom frühen Morgen an, wenn das junge Mädchen die Schritte des Malers hörte, konnte es sagen: "Er ist in meiner Nähe!" Wenn Hippolyt um die Zeit des Mittagessens zu seiner Mutter zurückkehrte, so verfehlte er nie, seine Nachbarinnen zu begrüßen, und des Abends erschien er zu der gewöhnlichen Stunde mit einer Pünktlichkeit, wie sie nur ein Liebhaber zeigen kann. Ein Mädchen, das die höchsten Anforderungen in der Liebe stellt, hätte dem jungen Maler nicht den geringsten Vorwurf machen können. Adelaide genoß daher ein Glück ohne Trübung und ohne Grenzen, als sie das Ideal verwirklicht sah, das sich jedes junge Mädchen in ihrem Alter träumt.
Der alte Edelmann erschien jetzt weniger oft, und Hippolyt, der nicht mehr eifersüchtig auf ihn war, ersetzte ihn beim Spiel, aber auch mit stets gleichem Unglück.
Inmitten seines Glücks dachte er jedoch an die unangenehme Lage der Frau von Rouville, denn er hatte mehr als einen Beweis ihrer Armut erlangt, und vermochte daher einen unangenehmen Gedanken nicht zu verbannen; schon öfter hatte er beim Gehen gedacht: "Wie! Alle Abend zwanzig Franken!?…" Er wagte indes nicht, sich einen so häßlichen Verdacht einzugestehen.
Hippolyt verwandte einen ganzen Monat auf die Vollendung des Bildes. Als es beendet, gefirnißt und eingerahmt war, betrachtete er es als eines seiner besten Werke. Die Baronin von Rouville hatte nicht wieder mit ihm darüber gesprochen. War es Sorglosigkeit oder Stolz? Der Maler wollte sich dieses Schweigen nicht erklären.
Er kam mit Adelaide dahin überein, daß er das Bild während der Abwesenheit der Frau von Rouville an seine Stelle hängen wolle. Es wurde dazu der achte Juli gewählt, und während eines Spazierganges, den die Mutter täglich nach den Tuilerien unternahm, begab sich Adelaide allein und zum ersten Male in Hippolyts Werkstatt, unter dem Vorwand, das Bild in der günstigen Beleuchtung zu sehen, in der es vollendet war. Sie blieb stumm und unbeweglich stehen und versank in eine wonnige Betrachtung, während der alle ihre weiblichen Gefühle in ein einziges verschmolzen, in die gerechte Bewunderung des geliebten Mannes. Als sich der Maler, beunruhigt durch dieses Schweigen, vorneigte, um dem jungen Mädchen ins Gesicht zu schauen, reichte sie ihm die Hand, ohne ein Wort sagen zu können; zwei Tränen rannen aus ihren Augen. Hippolyt ergriff ihre Hand und bedeckte sie mit Küssen. Einen Augenblick lang betrachteten sie sich schweigend, wollten sich ihre Liebe gestehen und wagten es dennoch nicht. Der Maler hatte Adelaidens Hand in der seinigen behalten und erkannte aus der Gleichheit der Wärme und des Pulsschlages, daß ihre beiden Herzen gleich stark für einander schlugen. Das junge Mädchen entfernte sich sanft von Hippolyt und sagte mit einem kindlichen Blick: "Sie werden meine Mutter sehr glücklich machen!…"
"Wie? Nur Ihre Mutter?" fragte er.
"Oh!… Ich … ich bin es schon…."
Der Maler senkte seine Blicke und schwieg, erschreckt durch die Heftigkeit der Gefühle, die diese Worte in seinem Herzen erweckt hatten. Beide begriffen die Gefahr dieses Augenblicks und begaben sich daher hinunter, um das Bild an seinen Platz zu hängen.
Hippolyt speiste zum ersten Mal mit der Baronin und ihrer Tochter. Frau von Rouville war so gerührt, daß sie dem Maler hätte um den Hals fallen können. Abends erschien der alte Emigrierte, der ehemalige Kamerad des Barons von Rouville, der mit ihm auf brüderlichem Fuße gelebt hatte, und meldete seinen beiden Freundinnen, daß er zum Kontreadmiral ernannt sei, da man ihm seine Landfahrten durch Deutschland und Rußland als ebensoviele im Seedienst verlebte Jahre angerechnet habe. Als er das Bild sah, drückte er mit Herzlichkeit die Hand des Malers und sagte: "Meiner Treu! Obgleich mein alter Leichnam nicht der Mühe wert ist, für die Nachwelt aufbewahrt zu werden, so würde ich doch fünfhundert Louisdor geben, wenn ich mich ebenso getreu dargestellt sehen könnte, wie mein alter Rouville!"
Bei diesem Vorschlag blickte die Baronin ihren Freund an, lächelte und ließ auf ihrem Antlitz den Ausdruck eines Dankgefühls erscheinen. Hippolyt glaubte zu erraten, daß ihm der alte Admiral den Wert für beide Bilder geben wolle, indem er das seinige bezahlte, und antwortete, weil sich sein Künstlerstolz, sowie auch vielleicht seine Eifersucht bei diesem Gedanken empörte: "Mein Herr, wenn ich überhaupt Porträts malte, so würde ich dieses nicht gemacht haben…."