Der Admiral biß sich auf die Lippen und setzte sich an den Spieltisch. Hippolyt blieb der Adelaide, die ihm ebenfalls eine Partie vorschlug, was er auch annahm. Der Maler bemerkte bei Frau von Rouville einen Eifer für das Spiel, der ihn überraschte. Nie hatte sie so sehr den Wunsch gezeigt, zu gewinnen, und sie gewann. Während dieses Abends beunruhigte ein böser Verdacht den Maler, störte sein Glück und flößte ihm Mißtrauen ein. Frau von Rouville lebte also vom Spiel. Spielte sie nicht in diesem Augenblick, um irgend eine Schuld abzutragen oder durch irgend eine Notwendigkeit gedrängt? Vielleicht hatte sie ihre Miete noch nicht bezahlt? Der Greis schien übrigens schlau genug zu sein, um sich nicht um nichts und wieder nichts sein Geld abnehmen zu lassen! Welches Interesse konnte den reichen Mann in dieses arme Haus führen? Warum war er ehedem so vertraulich gegen Adelaide, und warum hatte er so plötzlich den Vertraulichkeiten entsagt, die man sich vielfach von ihm gefallen lassen mußte?—Diese Gedanken kamen ihm unwillkürlich in den Sinn und veranlaßten ihn, mit neuer Aufmerksamkeit den Greis und die Baronin zu beobachten. Ihre Blicke des Einverständnisses, die sie von der Seite auf Adelaide und ihn warfen, mißfielen ihm. "Sollte man mich hintergehen?" dachte Hippolyt, und es war das für ihn ein schrecklicher, ein verletzender Gedanke, den er trotzdem nicht verscheuchen konnte. Um vielleicht eine Gewißheit zu erlangen, blieb er bis zuletzt. Er hatte hundert Sous verloren und seine Börse gezogen, um Adelaide zu bezahlen. Doch von seinen peinigenden Gedanken überwältigt, legte er seine Börse auf den Tisch. Als er aus seinem Nachdenken wieder erwachte, schämte er sich über sein Schweigen, dachte aber nicht mehr an seine Börse, sondern erhob sich, antwortete auf eine gleichgültige Frage, die Frau von Rouville an ihn richtete, und trat ihr näher, um beim Sprechen ihre alten Züge besser prüfen zu können. Von einer peinigenden Ungewißheit ergriffen, entfernte er sich, doch war er kaum einige Stufen der Treppe hinabgeeilt, als er sich erinnerte, seine Börse auf dem Tisch liegen gelassen zu haben, und er kehrte zurück.

"Ich habe meine Börse bei Ihnen vergessen," sagte er zu Adelaide.
—"Nein …" anwortete sie errötend.

"Ich glaubte sie hier zu finden!" Er zeigte bei diesen Worten auf den Spieltisch, schämte sich aber im Herzen des jungen Mädchens und der Baronin, als er seine Börse nicht erblickte, und sah die beiden Frauen auf eine so verlegene Weise an, daß diese lachten. Dann erbleichte er und sagte: "Ach, nein, ich habe mich getäuscht!… Ich habe die Börse." Er empfahl sich und ging. In einem Abteil der Börse befanden sich dreihundert Franken in Gold und in dem anderen einige kleine Münzen. Der Diebstahl war so klar, auf eine so kecke Weise geleugnet, daß Hippolyt keinen Zweifel über die Moralität seiner Nachbarinnen mehr hegen konnte. Er blieb auf der Treppe stehen, stieg mit Mühe hinab, seine Beine zitterten, Schwindel ergriff ihn, kalter Schweiß trat ihm auf die Stirn, und er fühlte sich außerstande, zu gehen und die heftige Aufregung zu ertragen, die der Zusammenbruch aller seiner Hoffnungen in ihm hervorgerufen hatte.

Er erinnerte sich jetzt einer Menge von Beobachtungen, die anscheinend geringfügig waren, aber dennoch den schrecklichen Verdacht bestärkten, der ihn ergriffen hatte, und ihm die Augen inbezug auf den Charakter und das Leben der beiden Frauen öffnete. Sie hatten also gewartet, bis das Bild beendet und übergeben war, ehe sie ihm die Börse raubten!?…

Der Diebstahl erschien noch häßlicher, indem er sich als ein berechneter herausstellte. Der Maler erinnerte sich zu seinem Kummer, daß Adelaide schon seit zwei oder drei Abenden mit mädchenhafter Neugierde die kunstreiche Filetarbeit der abgenutzten seidenen Börse betrachtet habe; allein wahrscheinlich nur, um sich zu überzeugen, wieviel Geld in dem Beutel enthalten sei. Die anscheinend unschuldigen Scherze, die sie dabei machte, bezweckten wahrscheinlich nur, den Augenblick zu erspähen, wo die Summe groß genug sein würde, um eines Diebstahls wert zu sein.—"Der alte Admiral hat vielleicht seine guten Gründe, Adelaide nicht zu heiraten, und die Baronin wird daher versucht haben, mich…." Er wollte eine Vermutung aussprechen, unterbrach sich aber und vollendete seinen Gedanken nicht, da derselbe zudem durch eine ganz richtige Betrachtung widerlegt wurde. "Wenn die Baronin," dachte er nämlich, "mich mit ihrer Tochter hätte verheiraten wollen, so würde man mich nicht bestohlen haben…." Um nicht ganz aus seinen Illusionen gerissen zu werden, versuchte dann seine Liebe, die bereits so tief eingewurzelt war, in einem Zufall irgend eine Rechtfertigung zu finden. "Meine Börse kann auf die Erde gefallen sein," dachte er, "sie kann vielleicht auf meinem Stuhle liegen geblieben sein. Ich habe sie vielleicht in meiner Zerstreuung in die Tasche gestickt…." Und er durchsuchte hastig alle seine Taschen, fand aber nirgends die verwünschte Börse. Sein grausames Gedächtnis bestätigte ihm nur die betrübende Wahrheit. Er sah deutlich seine Börse auf dem Tische liegen, zweifelte nicht mehr an dem Diebstahl, entschuldigte aber dennoch Adelaide, indem er dachte, daß man Unglückliche nicht zu schnell richten dürfe, daß ohne Zweifel irgend ein Geheimnis dieser dem Anschein nach ehrlosen Handlung zugrunde liege. Es wollte ihm nicht in den Sinn, daß ein so edles und stolzes Antlitz Lüge sein könne. Dennoch erschien ihm jetzt die armselige Wohnung als vollkommen entblößt von der Poesie der Liebe, die alles verschönert; er sah sie jetzt schmutzig, verwohnt, und betrachtete sie als die Darstellung eines Lebens ohne Adel, ohne edle Handlungen, denn unsere Gefühle sind gewissermaßen den Dingen aufgeprägt, die uns umgeben.

Am folgenden Morgen erhob er sich, ohne geschlafen zu haben. Der Schmerz seines Herzens, diese schwere moralische Krankheit, hatte furchtbare Fortschritte bei ihm gemacht. Ein geträumtes Glück zu verlieren, einer ganzen Zukunft zu entsagen, dies ist ein Leiden, bitterer als jedes andere, das durch den Untergang eines genossenen Glücks veranlaßt wird, wie vollkommen dasselbe auch sein mochte. Die Gedanken, denen sich dann plötzlich unser Geist überläßt, gleichen einem Meer ohne Ufer, in dem unsere Liebe sich zwar einen Augenblick schwimmend erhalten kann, aber dennoch endlich untergehen und ertrinken muß. Das ist ein schrecklicher Tod: sind nicht die Gefühle der glänzendste Teil unseres Lebens? Aus diesem teilweisen Tode entspringen bei gewissen zarten oder starken Konstitutionen die großen Verheerungen, die durch die Entzauberung durch getäuschte Hoffnungen und Leidenschaften hervorgebracht werden.

So ging es Hippolyt. Am frühen Morgen ging er aus und wandelte in dem kühlen Schatten der Tuilerien, während er in seine Gedanken versank und alles in der Welt vergaß. Ein Zufall, der gar nichts Ungewöhnliches hatte, ließ ihn einen seiner vertrautesten Freunde treffen, der auf dem Kollegium und in der Malschule sein Kamerad gewesen war, mit dem er vertrauter gelebt hatte, als man mit einem Bruder zu leben pflegt. "Was fehlt Dir?" fragte Daniel Vallier, ein junger Bildhauer, der kürzlich den ersten Preis erlangt hatte und nächstens nach Italien reisen sollte. "Ich bin sehr unglücklich …" antwortete Hippolyt ernst.

"Nur eine Herzensangelegenheit kann Dich so sehr bekümmern, denn an Geld, Ruhm und Ansehen fehlt es Dir nicht." Allmählich entspann sich ein vertrautes Gespräch, und der Maler gestand seine Liebe. Als Hippolyt von der Rue de Surèsne und von einem jungen Mädchen erzählte, das in einem vierten Stock wohnte, da rief Daniel mit ungewöhnlicher Heiterkeit aus: "Halt! das ist das junge Mädchen, das ich jeden Morgen in der Assomption sehe und dem ich den Hof mache. Aber, mein Lieber, die kennen wir alle! Ihre Mutter ist eine Baronin! Glaubst Du denn an Baroninnen, die im vierten Stock wohnen?… Brr!… Du bist ein guter Junge, der noch im goldenen Zeitalter lebt!… Wir sehen die alte Mutter alle Tage in dieser Allee; allein sie hat ein Antlitz und eine Haltung, die alles erraten lassen…. Wie! hast Du an der Art, wie sie ihren Strickbeutel hält, nicht schon erkannt, was sie ist?"

Die beiden Freunde lustwandelten lange Zeit, und mehrere junge Männer, die entweder Daniel oder Hippolyt kannten, gesellten sich zu ihnen. Der Bildhauer erzählte ihnen das Abenteuer des Malers, weil er es für sehr unwichtig hielt. Nun wurden Bemerkungen vorgebracht, Spötteleien wurden unschuldig und mit der ganzen Heiterkeit, die Künstlern eigen ist, zum besten gegeben. Hippolyt litt furchtbar darunter. Er schämte sich, als er das Geheimnis seines Herzens so leichtsinnig behandelt, seine Liebe in Fetzen zerrissen sah, als er hörte, daß man ein junges unbekanntes Mädchen, dessen Leben ihm so bescheiden geschienen hatte, den rücksichtslosesten Beurteilungen unterwarf, mochten dieselben richtig sein oder falsch. Aus einem Gefühl des Widerspruchs verlangte er ernstlich von einem jeden Beweis für seine Behauptungen; doch gab dies nur Anlaß zu neuen Spöttereien.

"Aber, mein lieber, hast Du den Shawl der Baronin gesehen?" fragte einer.