"Hast Du die Kleine gesehen, wenn sie des Morgens nach der Assomption geht?" fragte ein anderer.
"Die Mutter besitzt unter anderen Tugenden auch ein gewisses graues
Kleid, das ich als einen Typus betrachte."
"Höre, Hippolyt …" sagte ein Kupferstecher, "komm um vier Uhr hierher und beobachte ein wenig den Gang der Mutter und der Tochter…. Wenn Du dann noch Zweifel hast … nun, dann wird im Leben nichts aus Dir…. Du wärest fähig, die Tochter Deiner Türsteherin zu heiraten."
Hippolyt wurde von den widerstreitendsten Gefühlen ergriffen und verließ seine Freunde. Adelaide erschien ihm über alle Anklagen erhaben, und er empfand im Innersten seines Herzens eine gewisse Reue, daß er an der Reinheit eines so schönen und einfachen jungen Mädchens gezweifelt habe. Er kehrte nach seiner Werkstatt zurück, ging an der Tür vor Adelaides Wohnung vorüber und fühlte einen inneren Schmerz, hinsichtlich dessen sich kein Mann täuscht. Er liebte Fräulein von Rouville leidenschaftlich und betete sie selbst jetzt noch an, ungeachtet des Diebstahls seiner Börse. Seine Liebe war wie die des Chevaliers Desgrieux, der seine Geliebte selbst auf dem Karren, der die verlorenen Weiber in das Gefängnis fährt, noch bewunderte und für rein hielt. "Warum sollte sie nicht durch meine Liebe das reinste von allen weiblichen Wesen werden!… Warum sollte ich sie dem Unglück und dem Laster überlassen, ohne ihr eine freundschaftliche Hand zu reichen!?…" Diese Aufgabe gefiel ihm, denn die Liebe weiß alles zu benutzen, und nichts lockt einen jungen Mann mehr, als die Aussicht, bei einem jungen Mädchen die Rolle eines guten Engels spielen zu können. Es liegt etwas Romantisches in diesem Unternehmen, das empfindsamen Seelen so sehr gefällt. Es ist Aufopferung in ihrer erhabensten und anmutigsten Form; es liegt soviel geistige Größe darin, sich bewußt zu sein, daß man hinreichend liebt, um selbst da noch zu lieben, wo bei anderen die Liebe erlischt und stirbt!
Hippolyt begab sich in seine Werkstätte und betrachtete seine Gemälde, ohne daran zu arbeiten; er erblickte die Gestalten nur durch die Tränen, die ihm in die Augen traten, hielt fortwährend seinen Pinsel in der Hand und näherte sich der Leinwand, berührte sie aber nicht. Die Nacht überraschte ihn in seinen Träumereien; er eilte die Treppe hinab, begegnete dem alten Admiral, warf ihm einen finsteren Blick zu, während er ihn begrüßte, und eilte hinweg. Es war seine Absicht gewesen, bei seinen Nachbarinnen einzutreten, aber der Anblick von Adelaides Gönner ließ ihm das Herz erstarren und ihn seinen Entschluß aufgeben. Er fragte sich zum hundertsten Male, was den alten reichen Mann, der fünfzigtausend Livres Renten hatte, so unwiderstehlich in jenen vierten Stock ziehe, wo er alle Abende zehn bis zwanzig Franken verlor, und er erriet seinen Zweck.
An den folgenden Tagen widmete sich Hippolyt mit allem Eifer seinen Arbeiten, um durch diese und durch die Ablenkung seiner Phantasie auf einen anderen Gegenstand seine Leidenschaft zu bekämpfen. Seine Absicht gelang ihm zur Hälfte; die Arbeiten trösteten ihn, vermochten aber die Erinnerung an so viele glückliche Stunden, die er neben Adelaide verlebt hatte, nicht zu verbannen. Als er an einem der nächsten Abende seine Werkstatt verließ, fand er die Tür zu der Wohnung der beiden Damen halb geöffnet.
Eine weibliche Gestalt stand in der Brüstung des Fensters, und er konnte nicht vorübergehen, ohne von Adelaide gesehen zu werden. Er begrüßte sie kalt und warf ihr einen gleichgültigen Blick zu, schloß dann aber von seinem Kummer auf den des jungen Mädchens und fühlte eine heftige Rührung, als er die ganze Bitterkeit erwog, die sein Blick und seine Kälte in einem liebenden Herzen hervorbringen mußten.
Eine Wonne, wie die beiden sie genossen, durch so tiefe Vernachlässigung, durch so tiefe Verachtung zu krönen, das war in der Tat ein schreckliches Ende!
Vielleicht hatten sie die Börse wiedergefunden, vielleicht hatte Adelaide an jenem Abend ihren Freund erwartet! Dieser Gedanke, der so einfach und natürlich war, erweckte bei Hippolyt eine neue Reue, und er fragte sich, ob die Beweise von Zartgefühl und Anhänglichkeit, die ihm das Mädchen gegeben hatte, ob die reizenden und liebevollen Plaudereien, die ihn entzückt hatten, nicht wenigstens eine Frage, eine Rechtfertigung verdienten. Er schämte sich, eine ganze Woche lang den Wünschen seines Herzens widerstanden zu haben, betrachtete sich fast als den schuldigen Teil und begab sich noch an demselben Abend zu Frau von Rouville. Sein ganzer Verdacht, alle seine bösen Gedanken entschwanden bei dem Anblick des jungen Mädchens, das bleich und abgehärmt erschien.
"Was fehlt Ihnen?" fragte er, nachdem er die Baronin begrüßt hatte. Adelaide antwortete ihm nicht, sondern richtete nur einen schwermutsvollen, traurigen und entmutigten Blick auf ihn, der ihm wehe tat.