Jenny allein beschwichtigte:
"Kinder, na setzt euch! Das Fleisch wird ja kalt!"
Es wurde schlimmer von Tag zu Tag. Die wahre, die Zirkusnatur kam zum Vorschein.
Welch ein Schreck für das ganze Ensemble und auch für Herrn Schnepfe, als eines Tags in der Vorstellung die Eisenstütze des Drahtseils, die am Parkett des Herrn Schnepfe festgeschraubt war, ganz unvermittelt herausbrach, samt einem halben Quadratmeter Parkett!
Raffaëla tanzte gerade den Matchiche. In fliederfarbenem Satinröckchen, den einen Fuß vorschiebend über den "Telegraphendraht", wie Flametti zu sagen pflegte, den andern Fuß nach rückwärts hoch in die Luft geschlagen, den Japanschirm in gezierter Hand, hielt sie bedacht die Balance, so heftig schaukelnd und mit dem Japanschirm schlagend, daß die Petroleumhängelampen des Herrn Schnepfe in blutiger Majestät sich verfinsterten.
Schon hatte sie die Mitte des Seils erreicht: da krachte der Boden. Der Eisenträger neigte sich und das ganze Spektakel, Raffaëla im Fliederkostüm, der Japanschirm, das vorgeschobene Bein und das hochgeschlagene Bein, fielen auf dem geknickten Telegraphendraht ineinander.
"Ach Gott, meine Schwester!" schrie Lydia, als stürzte ein Neubau zusammen, "helft ihr doch! Zieht sie doch heraus! Ach, ihr lieben Leute, helft ihr doch!"
Es war jedoch nicht viel passiert. Das Seil war nur ein Meter achtzig hoch gespannt. Raffaëla lag wohl am Boden, der Schirm daneben. Aber sie schien sich nur auszuruhen. Abgestürzt war sie aus luftiger Höhe und dem Publikum bot sich Gelegenheit, ihre Schenkel zu besehen, wie man eine Schwalbe besieht, die sich an schwindelnder Kirchturmspitze den Kopf einstieß und nun plötzlich, den Blicken der Gaffer preisgegeben, ganz nahe am Boden liegt.
Aus dem Schreck kam man nicht mehr heraus. Immer fiel seit diesem
Begebnis Raffaëla irgendwo herunter.
Von der Bühne fiel sie herunter und hätte sich fast das Bein gebrochen.