Er drückte sich den Indianerkitt auf die Nasenkante.

Die Soubrette verstand. Und nickte bedenklich.

"Haben Sie einen Anwalt?"

"Selbstverständlich!" lächelte Flametti in aller Seelenruhe aus der
Kniebeuge; er mußte sich bücken, um in den Spiegel sehen zu können.

"Na also!" griff die Soubrette rasch noch einmal zum Spiegel, "was kann da geschehen?"

Von unten ertönte das Klingelzeichen.

Die "Indianer" zogen nicht mehr. Das Publikum war wie verändert. Was ihm früher als ein Exzess von Libertinage erschienen war, hielt es jetzt für Zynismus.

Wie doch? Dieser Flametti, der allen Grund hatte, sich zu ducken, der solche Sachen auf dem Kerbholz hatte, setzte sich über die einfachsten Anstandsregeln hinweg? Spielte die "Indianer" und machte sich lustig? Was für eine sittliche Verrohung in dem Menschen! Was für eine unerhörte Mißachtung der Rücksichten auf die Gesellschaft! Soviel Taktgefühl mußte man haben, einzusehen, daß die Aufführung dieser "Indianer" unter sotanen Umständen kompromittabel war für die ganze moralische Tradition der Fuchsweide! Nein, nein, das ist Freibeuterei, das ist Lästerung. So sind wir nicht. Da tun wir nicht mit. Man verschone uns!

Flametti fühlte wohl, daß man sich zurückzog von ihm, daß er umsonst sein Talent ausspielte. Es verfing nicht mehr. Die russischen Freunde Fräulein Lauras waren die einzigen Gäste, die noch immer klatschten, wenn er mit Augen, blutunterlaufen vor ästhetischer Anstrengung, auf der Bühne lächelnd seine Feuer—und Fakirnummer absolvierte; die ihn einluden, Platz zu nehmen, wenn die Nummer vorbei war und er, an ihrem Tisch stehend, mit souverän-salopper Indifferenz von seinem speckigen Gehrockkragen die verirrten Spritzer des Petroleums wischte, das er in langen, brausenden Flammen, einem Höllenfürsten vergleichbar, ausgespuckt hatte.

Seine Feuernummer liebte Flametti abgöttisch. Ein Pyromane und Sadist war er von Natur. Und wenn er, ein wenig angetrunken, oder berauscht von Opium, darauf verzichtete, das Petroleum, das ihm vom Mund tropfte, abzuwischen, dann schimmerten seine wulstigen Lippen in jenem bläulichen Fäulnisschein, der gemischt mit Trauer und Melancholie, jenen Sendboten der Hölle eignet, die in Wahrheit Zeloten des Edelsinns und Verdammte der himmlischen Bourgeoisie sind.