"Wissen Sie, Laura", begann Jenny von neuem, "—bleiben Sie doch noch 'nen Moment!—wissen Sie: schließlich ist's ja egal, ob wir den Prozeß gewinnen oder verlieren. Da bleiben noch allerhand Möglichkeiten. Wir brauchten uns nur zum Beispiel Pässe zu verschaffen nach Deutschland und die "Indianer" für großes Varieté zu bearbeiten. Es ist ja borniert von uns, hier zu sitzen mit einem solchen Schlager! Deutschland wär' wie geschaffen dafür! Säcke voll Geld könnten wir machen. Aber das will mein Mann nicht. Im schlimmsten Fall und wenn alle Stricke reißen, wird er ein paar Tage eingesperrt. Aber dann sollen Sie mich mal kennen lernen!" Und sie tippte so erregt mit dem Zeigefinger auf den Tisch, daß die Tassen wackelten. "Dann sollen Sie mal sehen, wer ich bin!"

Laura stand unwillkürlich auf und zog sich, vor ihrem Stuhle stehend, ein wenig zurück gegen den Spiegelschrank.

"Soll das eine Drohung sein?" fragte sie nervös, und ihre unterstrichenen Wimpern flogen.

"Sie brauchen gar nicht so vornehm zu tun!" rief Jenny, mit einer Handbewegung, die die Zweideutigkeit der Soubrette sehr unzweideutig beschrieb. "Ich weiß Bescheid. Ich verstehe, was man mir gackst. Bin nicht auf den Kopf gefallen. Eine warme Tasse Kaffee im Leib: da gacksen sie alle! Von wegen Spionage: Sie werden sich wohl erinnern, wie Sie hier ankamen mit diesem Meyer! Daß Sie dabei nicht ganz sauber waren, haben Sie selbst gesagt. Man renommiert nicht mit solchen Dingen. Da wird schon was Wahres hinter gewesen sein. Und von wegen Sage-femme laufen! Man kennt das! Das läßt sich konstatieren!…"

"Unverschämtheit!" schrie die Soubrette. "Das ist eine maßlose
Dreistigkeit! Was unterstehen Sie sich!"

Sie stand jetzt knapp vor dem Spiegelschrank, der ihre Erscheinung in merkwürdiger Weise verdoppelte. Ihr blondes Haar zischte. Ihr schmaler Körper krümmte sich vor Ekel und Abscheu.

"Ah, Sie haben's gar nicht nötig, sich aufzuregen! Man weiß Bescheid über Sie. Auch über Ihren Meyer! Lassen Sie nur gut sein!"

"Geh', Jenny, reg' dich doch nicht auf!" beruhigte Lena, "wir haben sie ja in der Hand! Wir wissen ja Bescheid!"

"Was wollen Sie von mir? Was können Sie mir nachsagen?" schluckte die Soubrette.

"Nun, Ihr Herr Meyer—erinnern Sie sich mal!—wo haben Sie denn gewohnt, bevor Sie zu Flametti kamen?"