Der Prokurist Smetana lächelte sauer:
»Na, so an die hundert Millionen, das wird wohl reichen!«
Herr Habietnik ging aufgeregt auf und ab. »Ich versteh' das nicht! Wir haben früher, wie die Juden noch da waren, doch auch eine Menge christliche Käuferinnen gehabt! Wo sind denn die hingekommen?«
Smetana, der früher in der Buchhaltung gesessen und die Rechnungen ausgeschrieben hatte, lächelte.
»Herr Habietnik, mit den christlichen Kundschaften war es nie weit her, und wenn es schon Christinnen waren, so hatte ihr Christentum doch irgendwo ein Klampferl. Entweder sie waren die Frauen oder die Maitressen von Juden. Bitt' Sie, da erinnere ich mich an die schöne Gräfin Wurmdorf, die was zuletzt noch eine Redoutentoilette für eineinhalb Millionen bei uns hat machen lassen. Na, wer aber hat sie gezahlt? Der Herr Gemahl vielleicht? Keine Spur! Der reiche Eisler von der Firma Eisler und Breisler! Und die Manoni von der Oper, die was die Tochter von einer waschechten christlichen Waschfrau ist und zehn gute Millionen im Jahr bei uns gelassen hat? Na, bei der hat die ganze israelitische Kultusgemeinde herhalten müssen! Und die –«
Herr Habietnik winkte ab. »Trotzdem, es gab genug Damen ohne Liebhaber, die ganz schön eingekauft haben. Ich weiß das besser, weil ich doch gerade die Maßabteilung unter mir hatte.«
»Ja, sehen Sie, Herr Habietnik, wenn es schon keine Jüdinnen waren, so war es eben die Konkurrenz der Judenfrauen, die uns geholfen hat. Wenn die Jüdinnen fein und elegant gekleidet waren, so wollten die christlichen Damen der guten Gesellschaft nicht zurückstehen.«
»Da können Sie recht haben«, meinte der Chef nachdenklich. »Neulich habe ich selbst gehört, wie die Frau Artander die Preise bekrittelte und ohne zu bestellen mit den Worten wegging: »Ach was, heutzutage hat man es ja gottlob nicht mehr notwendig, sich so aufzutackeln und jede Modedummheit mitzumachen. Ich werde eben die alten Sachen herrichten lassen.«
Herr Habietnik bekam einen roten Kopf und schlug mit der Hand auf den Tisch. »Ich habe Sie aber nicht gerufen, um mit Ihnen zu schmusen, sondern weil ich einen Rat von Ihnen will! Dazu zahl' ich Ihnen ja den hohen Gehalt!«
Smetana knickte zusammen. »Eine Idee hätt' ich schon, Herr von Habietnik. Die Leut' tragen jetzt so viel Loden und andere solide Sachen. Sie haben es ja selbst gesehen, sogar nach Barchent ist Nachfrage. Wie wäre es, wenn wir ein paar Fenster mit Lodenstoffen, Lodenröcken, Barchent- und Flanellwäsche füllen würden? Und dazu eine schöne Tafel und viel Inserate mit der Ankündigung: Loden, Barchent, Baumwolle und Flanell – die hohe Pariser Mode!«