Herr Habietnik bekam einen Lachkrampf und krümmte sich so lange, bis ihm die Tränen über die Backen liefen. »Flanell und Loden – die große Pariser Mode! Sie, wenn das die Frau Ella Zwieback, die jetzt in Brüssel lebt, erfährt, so glaubt sie, daß wir in Wien alle zusammen verrückt geworden sind! Aber meinethalben, mich ekelt die ganze Geschichte schon an, ich bekomme Platzangst, wenn ich durch das leere Haus gehe! Gut, machen Sie Lodenfenster! Und Steirerhüteln dazu nicht vergessen und genagelte Schuhe! Und die Konditorei verwandeln wir langsam, aber sicher in eine Stehbierhalle mit heißen Würsteln. Mir ist schon alles egal, so kapores oder so!«
Zehn Tage später sah man richtig hinter einem der Fenster rote, blaue und gemusterte Flanellröcke, Hosen, gestrickte Miederleibchen, hinter einem anderen Baumwollstrümpfe und solides Schuhzeug und in einer der Auslagen türmten sich Lodenstoffe in Braun, Grau und Schwarz zu Bergen. Und die Verkaufsräume füllten sich, bis der Bedarf der weitesten Kreise gedeckt war und die Verkäuferinnen wieder verstohlen hinter ihren schwarzen Seidenschürzen gähnten oder Engelhornromane lasen.
* * *
Im Kaffee Imperial saß der Rechtsanwalt Dr. Haberfeld und schob die Zeitungen, die ihm der alte Zahlmarkör Josef gebracht hatte, unwirsch beiseite.
»Sie, Josef, leer ist es jetzt bei euch, daß man neben dem Ofen friert! Früher hat man mühsam sein Platzerl ergattern können und jetzt, jetzt könnt' man bei euch das Traberderby abhalten, weil eh' kein Mensch im Weg steht!«
Josef strich die ergrauten Bartkoteletten, machte tieftraurige Augen, wischte mit der Serviette über den Tisch und sagte sorgenvoll:
»Es geht eh' ein Ringkaffee nach dem andern ein, ich glaub', lang' wer'n mir's auch net mehr machen. Wissen S', Herr Doktor, was die Herren Israeliten – pardon, die Juden, waren, die sind halt alle gern in die feinen Lokale gegangen, wo was los ist und man was sieht. Aber die christlichen Herrschaften, die geh'n ins Vorstadtkaffeehaus und spielen ihr Tarock oder machen eine Billardpartie und gehen sonst lieber zum Heurigen oder ins Wirtshaus. 's ist halt eine andere Zeit jetzt!«
»Das merkt ein Blinder, der taubstumm ist«, brummte der Anwalt. »Sie, Josef, wir zwei kennen einander ja schon lange genug und brauchen uns keine Komödie vorzuspielen. Mir g'fallt halt die ganze G'schicht net! Wien versumpert ohne Juden!«
Josef fuhr erschreckt zusammen und sah sich ängstlich um.
»Ah was, es hört uns eh' niemand! Wien versumpert, sag' ich Ihnen, und wenn ich als alter, graduierter Antisemit das sag', so ist es wahr, sag' ich Ihnen! Ich wer' Ihnen was sagen, Josef. Wenn ich gegessen hab', muß ich, Sie wissen's ja am besten, immer mein Soda-Bikarbonat nehmen, um die elendige Magensäure zu bekämpfen. Wenn ich aber gar keine Magensäure hätt', so könnt' ich überhaupt nichts verdauen und müßt' krepieren. Und wissen S', der Antisemitismus, der war das Soda zur Bekämpfung der Juden, damit sie nicht lästig werden! Jetzt haben wir aber keine Magensäure, das heißt, keine Juden, sondern nur Soda, und ich glaub', daran wer'n wir noch zugrund' geh'n!«