Josef, der mit atemloser und ehrfürchtiger Spannung gelauscht hatte, schlug verzweifelt mit der Serviette auf einen Stuhl und flüsterte beklommen:
»Recht haben S', Herr Doktor, wenn man sich auch net traut, es laut zu sagen. Mit dem Zugrundegehen aber fang' ich schon an! Ich habe im letzten Halbjahr die Hälfte von meinem Ersparten aufgebraucht. Herr Doktor, unter uns gesagt, und weil Sie selbst ein nobler Herr sein, den was es nicht treffen tut: Die Herren Israeliten, pardon, ich mein' die Juden, waren nobel im Trinkgeldgeben!«
Josef räumte die Zeitungen fort, die dem Doktor Haberfeld zu langweilig waren, brachte auf seinen Wunsch das Prager und das Berliner Tagblatt und wandte sich anderen, eben eingetretenen Gästen zu, die sich je ein Viertel Wein bestellten.
»Wie in einem Beisel«, raunte Josef dem Rechtsanwalt im Vorübergehen zu. Und dieser nickte verständnisvoll, zündete sich eine Zigarre an und gedachte der Zeiten, da er allabendlich im Kreise jüdischer Kollegen hier gesessen und trotz aller politischen Gegnerschaft manch' klugen und guten Gedanken mit ihnen ausgetauscht hatte …
* * *
Der Frühlingsbeginn, der seit jeher als politisch aufgeregte Zeit gegolten hat, brachte auch diesmal den Wienern unruhige Tage. Die Arbeitslosigkeit griff erschreckend um sich, eine Fabrik nach der anderen stellte den Betrieb ein, aber auch die Konkurse der Detailgeschäfte häuften sich und allenthalben gab es lärmende Kundgebungen, nicht nur der Arbeiter, für die der Staat halbwegs sorgte, sondern auch der entlassenen Kommis und Verkäuferinnen, Buchhalter und Tippmädels, bis in bewegter Ministerratssitzung beschlossen wurde, auch diesen Kategorien für die Zeit ihrer Stellenlosigkeit Zuschüsse zu gewähren. Der Finanzminister hatte sich mit Händen und Füßen dagegen gesträubt, der Kanzler, Doktor Schwertfeger, aber schließlich seinen Willen durchgesetzt. Doktor Schwertfeger, der noch starrer, knochiger, härter geworden war, erklärte, daß auch diese neue Belastung getragen werden müsse.
»Wir dürfen es nicht dazu kommen lassen, daß eines Tages der Ausweisung der Juden die Schuld an Not und Elend gegeben wird. Wir haben bis heute die »Arbeiter-Zeitung«, die jetzt zwar von Christen, aber doch noch im jüdischen Geiste geschrieben wird, bewegen können, jede Kritik des Antijuden-Gesetzes zu unterlassen. Erfüllen wir die Forderungen der Stellungslosen im kaufmännischen Betriebe nicht, so wird ihr die Geduld reißen und sie wird, schon um diese Leute in ihr Lager zu drängen, eine Polemik eröffnen, die verderblich werden kann, weil wir die Uebergangszeit von der Judenherrschaft zur Befreiung noch nicht hinter uns haben.«
»Und unsere Krone?« wandte der Finanzminister Professor Trumm höhnisch ein.
»Wir müssen uns an unsere christlichen Freunde im Auslande wenden und ihnen unsere Bedrängnis klar machen. Am besten, Sie fahren gleich nach Paris und London.«
Trumm lachte laut auf. »Ganz vergeblich! Schon von der ersten Bittfahrt vor drei Monaten bin ich mit leeren Händen gekommen! Die Leute geben nichts mehr, haben ja sogar ihre festen Versprechungen nicht ganz gehalten. Sie unterschätzen den Einfluß unserer früheren Konnationalen, der österreichischen Juden, die zum Teil heute in den ausländischen Banken sitzen! Und abgesehen davon, der christliche Begeisterungstaumel ist vorbei und man steht wieder auf dem kalt-geschäftlichen Standpunkt. Sogar Mister Huxtable hat abgewinkt. Also meinethalben, bewilligen wir die Forderungen der stellenlosen kaufmännischen Angestellten! Aber ich wasche meine Hände in Unschuld.«