Und unaufhaltsam griffen Mißmut, Unzufriedenheit und die Erkenntnis, auf einer abschüssigen Bahn zu gehen, um sich.

* * *

An einem herrlichen Junitag ging Leo Strakosch als Franzose Dufresne nach dem Stadtpark, um wieder einmal Fühlung zum Wien von heute zu bekommen. Sonst verließ er den neunzehnten Bezirk kaum, da er entweder in seinem Atelier arbeitete oder aber mit Lotte ausgedehnte Spaziergänge im Wienerwald unternahm. Als er heute nun zwischen den dichtbesetzten Tischen um den Kursalon herum spazierte, war er so belustigt, daß er laut auflachte.

»Um Himmels willen, was ist aus meinem schönen eleganten Wien geworden!«

Die Mode des Alpenkleides und Touristenanzuges schien allgemein geworden zu sein; so weit das Auge reichte, sah er alte und junge Herren in Loden, Kniehosen und mit dem grünen Steirerhütl auf dem Kopf. Und die Damen! Die Mehrzahl trug Dirndlkostüme, die ja im freien Gelände sehr nett und anmutend wirken, hier aber wie Karikaturen, wie schlechte Witze erschienen. Man war eben sehr bescheiden geworden, und vor allem bildete man ja eine einzige große Familie, war unter sich und hatte es nicht notwendig, sich »herzurichten«.

Hie und da sah man auch noch elegant gekleidete Damen und Herren; sie fielen aber auf, man konnte von den Aelpler-Tischen bissige Bemerkungen über sie hören, und Strakosch wurde es fast unheimlich zumute, als er sah, wie ihn dieses oder jenes »Dirndl« durch ein Lorgnon anstierte, wahrscheinlich nur deshalb, weil sein dunkelblauer Anzug, die Lackstiefel und die kostbare Seidenkrawatte auffielen.

Die elektrische Straßenbahn, städtische Musik und Dirndln, die ein Lorgnon tragen – Leo schüttelte sich. Er eilte aus dem Stadtpark fort über die Ringstraße, fand auch das Bild, das die Kaffeehäuser boten, trostlos, grinste, als er wahrnahm, daß die meisten Leute einander mit »Heil« begrüßten und mußte lange suchen, bis er ein Autotaxi fand. Denn auch diese Mietwagen waren ein Luxus geworden, der so wenig Benutzer hatte, daß die meisten ihr Geschäft aufgaben.

Spät abends, als die Sonne schon langsam unterging, traf er Lotte verabredetermaßen am Rande des Kobenzlwaldes. Sie ließen sich auf einer Bank nieder, und nachdem sie sich sattgeküßt, erzählte Lotte, daß ihre Eltern beschlossen hatten, schon in der nächsten Woche nach ihrer kleinen Villa am Wolfgangsee zu übersiedeln.

»Was soll nur aus uns werden,« klagte Lotte, »wie soll ich es ertragen, dich den ganzen Sommer nicht zu sehen?«

»Davon kann auch keine Rede sein, Lieb. Ich werde eben auch ausspannen, und wenn du in St. Gilgen bist, werde ich in Wolfgang wohnen und jeden Tag wirst du herüberkommen und wir werden wenigstens eine Stunde beisammen sein.«