»Ja,« höhnte Zwickerl, »eine Goldgruben voll mit Dreck! Je mehr die Leut' kaufen, desto mehr verlier' ich! Weißt was? Daran san die verfluchten Valuten schuld! Kronen, schäbige Kronen krieg' ich herein und Mark und tschechische Kronen und Franken fliegen hinaus. Zehntausend Meter Batist kauf' ich in Reichenberg und nach acht Tagen kommt der Verkäufer von der Abteilung und strahlt über das ganze blöde Gesicht und sagt: »Herr Zwickerl, die Ware fliegt einem nur so aus der Hand! Morgen haben wir nicht mehr einen Meter im Haus!«

»Schön, denk' ich mir und geh' in die Buchhaltung, und wie wir nachrechnen, sehen wir, daß ich, weil die tschechische Krone wieder gestiegen ist, bei jedem Meter tausend Kronen verloren hab'. Und das ist nur ein Beispiel von hunderten. Ich schlag' eh' bei jeder War' schon dreihundert Prozent auf und trotzdem, die Krone fällt rascher, als ich aufschlagen kann, Verluste, nichts als Verluste, und die Länderbank, die mir das Kapital zur Uebernahme gegeben hat, fordert Rückzahlung und ich kann nicht zahlen, weil ich ein riesiges Defizit habe. Im Gegenteil, ich brauche wieder hundert Millionen, weil ich sonst nicht einkaufen kann!«

Herr Zwickerl hatte sich Luft gemacht und war besänftigt. Er zog den Kirschenstrudel an sich heran und machte ein pfiffiges Gesicht:

»Weißt, Alte, wir braucheten einfach ein paar jüdische Banken, das ist alles! Früher, als ich noch mein kleines Geschäft in der Stumpergassen gehabt habe, da bin ich alleweil, wenn ich im Ausland kaufen mußte, zum krummen Kohn von der Hermesbank gegangen, wo mein Konto war, und der hat gesagt: Herr Zwickerl, hat er gesagt, Sie müssen sich jetzt mit Mark eindecken, weil die Mark steigen wird; oder: die Krone wird fester kommen, hat er gesagt, kaufen Sie Kronen. Und immer ist es richtig so gewesen und ich hab' nicht nur an der Ware, sondern auch noch an der Valuta verdient! Aber jetzt – die Affen, die jetzt in der Bank beieinandersitzen, kennen sich selber net aus und i kenn' mi' auch net aus und alles geht kaput, sag' ich dir!«

Herr Zwickerl gehörte zu den vielen kleinen Geschäftsleuten, die durch das Antijudengesetz mächtig in die Höhe gekommen waren. Mit Hilfe der urchristlich gewordenen Länderbank hatte er, der kleine Dutzendkaufmann, das große Warenhaus in der Mariahilferstraße an sich bringen können, und das erste Halbjahr war alles eitel Wonne gewesen. Wenn Herr Zwickerl auf der Galerie des Kaufhauses stand und auf den Menschenschwarm hinabsah, kam er sich wie ein kleiner König vor und er berauschte sich ordentlich an dem Klingeln der Registrierkassen, dem Knistern der Seide und dem Stimmengewirr. Und allabendlich leerte er beim Nachtessen sein Weinglas auf das Wohl des Schwertfeger, und immer wieder sagte er zu seiner Frau, die jetzt nur mehr in Glacéhandschuhen kochte:

»Alte, da sieht man es am besten, wie uns die Juden ausgesaugt haben! Die Juden haben die großen Geschäfte gehabt und wir Christen konnten im finsteren Laden schuften und darben. Gottlob, daß das aufgehört hat!«

Aber schon die erste Semestralbilanz brachte dem Herrn Zwickerl arge Enttäuschung. Trotz der enormen Umsätze und des gefüllten Kaufhauses war von einem Gewinn keine Rede, immer wieder hatte man sich beim Einkauf im Ausland so oder so verspekuliert. Und mehr als einmal hatte Herr Zwickerl in sich hineingeseufzt: An ordentlichen Juden, wenn ich hätt', der was mich beraten tät'!

Herr Zwickerl mußte tatsächlich Konkurs anmelden, das Geschäft wurde geschlossen und von einem Grundbesitzer aus der Gumpoldskirchner Gegend übernommen, der aus dem großen Haus eine riesige Stehweinhalle machte.

In den Jahren, die dem Kriegsende und dem Umsturz gefolgt waren, hatte sich Wien immer mehr zur Zentrale des mitteleuropäischen Luxus entwickelt und das Leben gewisser Schichten eine Ueppigkeit angenommen, die in der ganzen Welt als beispiellos besprochen wurde. Die breiten Massen der Wiener Bevölkerung aber, nicht nur die Arbeiter, sondern auch das mittlere Bürgertum, hatten zähneknirschend gesehen, wie sich die fremden Elemente, vor allem die Juden aus Galizien, Rumänien und Ungarn, als Herren Wiens aufspielten, mit dem für sie fast wertlosen österreichischen Geld um sich warfen, Champagner tranken, wo der kleine Mann kaum noch das Glas Bier zahlen konnte, ihre Weiber mit Perlen und Pelzen behängten, während die wirklich gute Gesellschaft den alten Familienschmuck stückweise verkaufen mußte, in prachtvollen Luxusautomobilen durch die Straßen rasten, den bodenständigen Wienern die Wohnungen wegnahmen und mit ihrem lärmenden protzigen Gehaben die alte kultivierte Stadt erfüllten.

Als die Juden fortgetrieben waren, änderte sich das alles von Tag zu Tag auf das gründlichste. Der sinnbetörende Luxus verschwand, der Wiener Ausverkauf stockte, man mußte sich nicht mehr anstellen, um einen Platz im Opernhaus zu ergattern, das Leben wurde stiller, solider, einfacher. Bis es sich zeigte, daß eine Stadt wie Wien ohne Luxus nicht leben kann. Zuerst hatten die christlichen Geschäftsleute, die die Kaufläden der Juden übernahmen, sich auch deren Automobile bemächtigt, es schien der Wohlstand derselbe geblieben zu sein und nur eine Umgruppierung erfahren zu haben, und der Jubel, mit dem die Wiener es begrüßten, daß sie nicht bei jedem Schritt auf jüdische Schieber stoßen mußten, war ebenso ehrlich als begreiflich. Als dann aber bald die Krone wieder ins Uferlose fiel und die Teuerung neue Wellen zog, als alles das, was eben auf äußersten Luxus eingestellt war, wie die vornehmen Geschäfte, die Kabaretts, die Theater, die fürstlichen Restaurants und Bars, einging, als die Arbeitslosigkeit um sich griff und der Export nach dem Ausland immer geringer wurde, da begann auch das äußere Leben flügellahm zu werden. Die Zehntausende von Automobilen, die aus jüdischen Händen in christliche übergegangen waren, wurden für eine Handvoll Lire oder Franken ins Ausland verkauft, weil bei dem schlechten Geschäftsgang das Benzin unerschwinglich wurde, die Kunsthändler klagten über völlige Geschäftslosigkeit, das Defizit der Staatstheater wuchs riesenhaft, christliche Künstler und Gelehrte von Ruf, vor allem aber die großen Aerzte, zogen ins Ausland, weil das Inland ihnen nicht mehr die Honorare bezahlen konnte und wollte, die sie von den jüdischen Zeiten her gewohnt waren.