Die Priester tragen während dieser Diensthandlung rote Gewänder, damit man das Blut nicht sieht, das auf sie spritzt. Das Kleid ist kurz und reicht nur bis zu den Knien, sie sind auch barfuß und ihre Ärmel reichen nur bis zum Oberarm, alles, damit sie während der Verrichtung nicht behindert sind. Auf dem Haupte tragen sie eine hutartige Mütze, um die drei Ellen Tuch wie ein Turban gewunden sind. Der Hohepriester aber hat, wie man mir gesagt hat, einen vierzigfach gewundenen weißen Turban. Die Öfen, in denen das Opfer gebraten wird, sind nahe dem Eingang; man erklärte mir, dies diene dazu, den Glauben und die Freude an dem Feste recht öffentlich und allgemein zu machen. Wenn es gebraten ist, essen sie es mit Singen und Jubeln; noch aus der Ferne hört man ihre jauchzenden Stimmen. Und in den Peßachnächten werden wegen der vielen Fremden an keinem Tore von Jerusalem die Türen geschlossen; die Juden sagen, zu Peßach seien doppelt so viel Menschen da, als aus Ägypten zogen.

DER TAUSCH.

Von Mendele Mocher Sforim.

Im Monat Adar, sagt der Talmud, freut man sich. Der Schnee schmilzt, auf allen Wegen liegt tiefer Schmutz und ehrliche Juden, abgerissen und schmierig, beginnen nachzudenken, woher sie Geld für die Peßachfeier nehmen sollen — die Zeit unsrer Freude ist da!

Um diese Zeit erhielt ich einen Brief von einem Glupsker Bekannten, ich solle doch ja so bald als möglich zu ihm kommen, mit Sack und Pack, mit dem Planwagen und den Bücherbündeln, um einen Tausch zu machen: er wolle mir für meine alte Ware neue geben, Sammelbücher, Unterrichtswerke, Gedichte, Bilder und Skizzen, hochinteressante Romane, psychologische, ökonomische und soziale Erzählungen, dazu feine und kunstvolle Gegenstände von mancherlei Art, Chanukahlampen und dergleichen mehr. Mein Bekannter in Glupsk betreibt vielerlei Geschäfte mit wenig Segen. Er ist Buchhändler und Makler und auch ein Stückchen von einem Schriftsteller und Verleger, und dazu ein armer Teufel, das aber in reichem Maße. Um ehrlich zu sein: ich habe sein Anerbieten nicht ganz ernst genommen, denn ich wußte ja, daß er im Notfall — er nehme es mir nicht übel — ein Lügner sei, wie das ja oft bei Kaufleuten so geht, die in Kauf und Verkauf das Maß „verbessern“: ihre Ware ist pures Gold, die des andern schlechtes Blech.

So habe ich also von seinem Briefe, der die alte Ware in Grund und Boden verdammte und die neue über den grünen Klee lobte, nicht viel Aufhebens gemacht. Dann aber überlegte ich, daß es am Ende doch so übel nicht wäre, nach Glupsk zu fahren. Wozu sollte ich meine Ware so lange festhalten? Wohl möglich, daß die andere schlechter, daß sie ganz wertlos war; aber besser oder schlechter — man muß handeln. Mag der Besen schlechter sein — wenn er nur neu ist!

Ich beschloß also, schleunigst abzureisen, um noch zu Purim nach Glupsk zu kommen und die berühmten Glupsker Purimspieler zu sehen. Alle Tage des ganzen Jahres sind sie arme einfältige Gesellen, zu Purim aber sie sind klug und geistreich, und Wortspiele fallen da wie die Tropfen wenn es regnet. Es war mir aber nicht beschieden, da ich noch einige Zeit daheim verweilen mußte. Als ich dann so weit war, gedachte ich zu Peßach wieder daheim einzutreffen. So sorgte ich noch vor der Abfahrt dafür, mein Haus mit all den guten Dingen zu versehen, die man zu diesem Feste braucht. Ich empfahl meiner Frau, um Gottes willen an nichts zu sparen, nicht an Rosinen und nicht an Wasser, und einen Rosinenwein zu bereiten, den ein König nicht verschmähen müßte. „Und kaufe auch einen Sack Kartoffeln und Gänseschmalz und einen recht wohlgenährten Truthahn. — Wie? Das Geld wird nicht reichen? Darum mache dir nur ja keine Sorgen. Versetze deinen Schmuck, das oder jenes Einrichtungsstück; Gott wird hoffentlich mit mir sein, und wir werden, wenn ich in Frieden heimkehre, ein fröhliches Peßachfest feiern, Rosinenwein mit Lakritzen trinken und lustig sein.“

So wurde alles besorgt. Allein Gott sandte Regen und Schnee über die Welt, ein Gemisch von Wasser und nassen Eiskörnern, und der Weg wurde unwegsam für Wagen und Schlitten, zu Pferd wie zu Fuß. Ich schleppte mich mit Mühe und Not eine Viertelmeile täglich vorwärts. Jeder Schritt kostete mein armes Pferdchen blutigen Schweiß. Es schleppte sich ein paar Schritte, fiel, stand auf, ging wieder ein paar Schritte und fiel abermals. Und ich Unseliger stapfe nebenher durch den Morast, beschmutzt vom Kopf bis zum Fuß wie ein Teufel, gleite aus und falle, falle und ächze.

Ich ächzte nicht nur für mich, sondern auch für mein Pferd. Wie kam mein armes Pferdchen dazu, sich so quälen zu müssen? Und wem zuliebe mußte es sich quälen? Mir zuliebe, der ich mit einem Schlage alle alten Ladenhüter los werden wollte. Einen ganzen Wagen hatte ich damit angestopft, mehr als das arme Tier erzog, ohne Mitleid, ohne einen Gedanken an seine Qual.

Solange es seine Leiden noch ertrug, ging und fiel, fiel und aufstand, sich fast aus seiner eigenen Haut zog und doch ging, stellte ich mich gefühllos, zeigte ihm die Peitsche, rief und schalt. Als aber das Pferdchen endlich ganz und gar in einen Sumpf geriet, irgendwo unter einem Berge, sich im Schmutz ausstreckte, so lang es war, die Füße von sich spreizte und liegen blieb, ohne auch nur ein Glied noch zu rühren, da meldete sich mein jüdisches Herz mit einer Moralpredigt: Du törichter, dummer Kerl, du nimmst eine ehrliche Kreatur und verkümmerst ihr das Leben mit schwerer Arbeit, mit unendlichen vielen schweren Bündeln von Büchern, von Makulatur! Alles hat doch Maß und Ziel! Ziegel und Steine kann man nur bis zu einem bestimmten Maße einem Pferd aufladen, sonst erträgt es sie nicht; und du hast deinem Pferdchen, einem elenden Geschöpfe, die ganze Masse der Jüdischkeit, das ganze Joch aller jüdischen Bündel aufgelegt! Was ist das Ende? Das gute Wesen plagt sich, keucht, reibt sich auf, kann sich nicht mehr vom Fleck rühren und ringt mit seiner Seele. Schau es an, wie es daliegt, ohne ein Lebenszeichen zu geben. Wie ein toter Körper!