Doch was hilft das alles, was nützt Leid und Reue? War es zuerst wie ein toter Körper, so war es nachher wirklich und wahrhaftig einer. Mein Pferdchen war verendet!

Dort und damals war ich wie ein Kapitän, dem sein Schiff mitten im Meer untergeht. Allein und verlassen stand ich mitten auf der Straße und ein Meer von Schmutz dehnte sich um mich herum. Das Pferdchen lag tot im Sumpf, der Wagen steckte bis über die Achsen im Morast; und morgen ist Erew Peßach, und in meiner Seele ist’s bitter und trüb. Was sollte ich tun? Aber ein Jude hat doch einen Gott; wenn es schon ganz schlimm wird, erinnert man sich seines lieben Namens. So tat auch ich. Es war die Zeit des Minchah-Gebetes. So wandte ich denn mein Angesicht gen Osten, sagte „Pithum Haktoreth“ und betete langsam und mit Inbrunst, so lange, bis die ersten Sterne aufschimmerten. Der Heilige, gepriesen sei er, hörte mein Gebet, zeigte mir etwas wie ein fernes Feuer und gab mir den Gedanken ein, dorthin zu gehen, wo es leuchtete. So kroch ich auf Händen und Füßen lange zwei Stunden, bis ich auf eine Hütte stieß, wo einer am Waldesrand wohnte. Der Mann blickte mich zuerst wild an, als er aber sah, daß ich in Furcht und Zagen vor ihm stand und den Kopf hängen ließ, wurde er weicher und gewährte mir Gastfreundschaft. Er bewirtete mich mit gebratenen Kartoffeln und einem Glas Tee und wies mir zur Nacht einen Platz im Schuppen an. Am andern Morgen bat ich ihn dringend, ein Paar Ochsen an meinen Wagen zu spannen und mich nach Bojberik zu fahren, was die nächste Stadt war. Dafür erlaubte ich ihm, außer seinem Lohn, das Fell meines toten Pferdchens abzuziehen und noch als Andenken die Hufeisen zu behalten. Ich tat das des Friedens wegen. Er sollte nicht sagen, daß man einem Juden nichts Gutes erweisen dürfe, weil er nicht zu danken verstehe.

So kam ich in der Abenddämmerung nach Bojberik, als keine lebende Seele mehr auf der Straße war; groß und klein war bereits in den Bethäusern versammelt. Aufrichtig gesagt, war mir das sehr angenehm; ein Jude steckt doch gern in alles seine Nase, will alles mit der Hand anfühlen, ein Jude will doch alles wissen. Und nun kam ich, ein bekannter Jude, Mendel der Buchhändler, mit einem Paar Ochsen dahergefahren! Natürlich würde man mit Kind und Kegel zusammengelaufen sein und mir einen festlichen Empfang mit Hoch und Hurra gemacht haben. Ich bin aber doch ein einfacher Jude, ein gewöhnlicher Mensch, und scheue soviel Ehre.

Ich habe in Bojberik einen Bekannten und guten Freund aus alten Tagen her; er ist Buchhändler wie ich und in allen Orten, wo Juden wohnen, wohlbekannt unter dem Namen Hendel Bojberiker aus Bojberik. Vor Hendels Haus ließ ich mich führen. Während des Fahrens hatte ich Zeit, mich in Gedanken zu versenken. Ochsen sind bekanntlich keine Schnelläufer, sie gehen Schritt vor Schritt, bedächtig, langsam, ohne Eile, wiederkäuend. Ich saß im Wagen und kaute auch nochmals alle die Begebenheiten durch, die mich unterwegs getroffen hatten. Ich sinnierte und sehnte mich nach meinem Haus, nach Weib und Kindern. Das Herz tat mir weh, da mir das Fest zerstört war, da ich nicht wie ein König neben meiner Königin obenan sitzen würde. Ich gedachte auch des Truthahns: wahrscheinlich war es ein fetter, feiner Truthahn, ein wahres Labsal! Und ich sehnte mich inniglich... Die Ochsen tappten, krochen durch Gassen und Gäßchen, bis sie endlich vor Hendels Haus stehen blieben.

Eine Weile stand ich mit beklommenem Herzen vor der Tür. Ich stand wie ein Armer an der Tür des Reichen: „Werde ich ihn nicht bei schlechter Laune antreffen? Wird er mich nicht scheel ansehen?“ Aber was tut nicht ein Jude vor Not? Vor Not bemüht er sich um fremde Menschen, vor Not wird er ein Gast. Ich fasse mir Mut, strecke die Hand aus und öffne die Tür, öffne sie leise und langsam, und sie knarrt. Ich drücke leise und sie knarrt, als ob sie etwas zu fordern hätte. So kam ich in den finstern Hausflur; und alsbald regten sich die Leute und machten mir einen Empfang: sie empfingen mich mit lautem Freudengeschrei und wie berauscht vor Wonne. Ich konnte gar nicht verstehen, was mit ihnen los war. Eins läuft in die Stube hinein und ruft: „Gekommen!... Er ist da, er ist da!“ Ein zweites schreit ganz außer Atem: „Ein Licht, ein Licht, steckt ein Licht an!“ Ich höre eine Frauenstimme, zuckersüß, voll Anmut und Liebenswürdigkeit, und eine Frau kommt herausgeeilt, umarmt, küßt und halst mich — beinahe. Sie schwatzt, spricht liebe- und vorwurfsvolle Worte durcheinander, freut und erbost sich zugleich:

„Welcher Gast, welch seltener Gast!... Weshalb kommst du so spät? Bin ich nicht auch so gut wie andere Leute?“

Ich stand verdonnert da, wie ein Nachtwandler, aber als ich endlich den Mund auftat und antworten und erzählen wollte, was mir passiert war, entzündete man eine Kerze — und wir standen alle erstarrt und mit offenem Munde da wie Golems. Wahrhaftig, eine schöne Szene!

Die Sache verhielt sich so: Hendel war auf Geschäftsreisen gegangen. Er sollte zu Sabbath Hagadol, dem Sabbath vor Peßach, heimkommen und war nicht eingetroffen. Da war seine Familie sehr traurig gewesen. Als ich nun in der Dunkelheit eintrat, dachten die Kinder, es sei der Vater, und die Frau glaubte, ihr Mann sei zu Peßach gekommen; da gab es Freude und Aufruhr, als sie aber den Irrtum merkten, blieben sie mit aufgerissenen Augen und Mündern stehen.

Auch der Frau Hendels war das Fest zerstört, da ihr Mann zu Peßach nicht da war und sie keinen König hatte. Andererseits aber dankte sie Gott und pries seinen Namen, daß er ihr doch einen bekannten Menschen beschert hatte, den Seder zu halten. Sie geleitete mich zu dem Hessebett und „machte mich zum Könige an Hendels Statt“.

Auch ich dankte dem Höchsten und lobte ihn, der an mir Wunder getan hatte. Er hatte mich aus der ruhelosen Verbannung nach Bojberik gebracht, daß ich wie ein König dasaß, Bitterkraut und Eier und Fisch und Knödel aß und für Hendel und Hendels Weib die Hagadah las, mit lautem Preis und Lobgesang: Hallelujah!