Hasenjagd

Jedoch nicht an mir allein geschah solch ein Wunder, daß ich, ungeahnt, wie ein König dasaß. Wie ich einige Tage später erfuhr, war auch Hendel dasselbe Wunder, derselbe Peßach zuteil geworden.

Hendel Bojberiker hatte seinen Wagen mit Büchern vollgepackt und war von Bojberik abgefahren, wie er alljährlich vor Peßach zu tun pflegt. Und so geschah Hendel dasselbe, was Mendel geschah: Schnee und Regen, Sumpf und Morast, Pfützen und Gräben, Kummer und Leiden den ganzen Weg entlang. Auch sein Pferd ging und fiel, stürzte und wälzte sich im Schlamm. Und wenn es mit dem Leben davonkam und nicht umkam, so verdankte es das wahrhaftig nicht seiner Heldenkraft, denn es war dürr und ausgemergelt, hinkte und hatte eine Beule auf dem Auge — mein Pferdchen war nach aller Meinung im Vergleich zu jenem gesund und schön. Nur ist der Morast in den Gegenden, durch die Hendel kam, dünner und verursacht nicht so unglückliche Folgen wie der dichte Sumpf um Bojberik und Glupsk. So zog Hendel langsam mit seinem Pferdchen dahin, kroch mit Mühe und Not vorwärts und gelangte genau am Erew Peßach nach Kabzainsk. So fuhr er noch am Abend vor mein Haus, hielt ganz fein bei meiner Frau den Seder, saß auf meinem Hessebett und war König an meiner Statt, glücklich und zufrieden, daß Gott ihm einen Ruheort gegönnt hatte.

Das erzählte mir Hendel selbst, als wir einander nach dem Feste in der Hälfte des Wegs begegneten; und wir krümmten uns vor Lachen, als wir von dem Tausch erfuhren. Aber als ich begann, ihm von meiner Reise nach Glupsk zu erzählen, um dort alte Bücher für neue zu tauschen, zog er ein saures Gesicht, schüttelte bedenklich den Kopf und sagte dann: „Du magst Gott danken, daß du mit dem Pferdchen davongekommen bist. Ein ganz schöner Sündenbock!“

Ich sah ihn groß an. „Was siehst du mich an, Mendel?“ rief er. „Ich sage dir: wohl dir, daß dein Pferdchen umgekommen ist! Denn so bist du vor der Reise nach Glupsk und vor einem übeln Geschäft behütet worden. Du kannst zufrieden sein, daß es dir nicht gelungen ist, jene Ware zu kaufen. Ich beneide dich: du darfst jetzt hoffen, den Buchhandel ganz los zu werden. Zum Teufel mit den Scharteken, alten und neuen! Wie gut wäre es, hätte auch mein Pferdchen ein böses Ende genommen, ja, womöglich schon vor einem Jahre! So hätte ich von der neuen Ware nichts gewußt und hätte mein Geld nicht verloren. Nein, Mendel, ich wiederhole dir: es ist ein Glück für dich, daß dein Pferdchen verreckt ist.“

Wenn ihr aber glaubt, Hendels Zorn sei echt gewesen, so seid ihr im Irrtum. Hendel handelt noch immer mit Büchern wie seit jeher, und auch ich bin ein Buchhändler geblieben wie zuvor. Ja, damals, mitten auf dem Weg, als Hendels Zorn ein wenig verflogen war, haben wir stehenden Fußes einen Tausch gemacht: ich gab ihm philosophische Bücher, Artikel und Predigten, und er gab mir Klagelieder und Trauergesänge. Denn für Klagelieder und Trauergesänge war die Zeit gerade recht: es ging gegen den Frühling, überall fing es an zu grünen und zu sprießen, und unsere jüdischen Brüder bereiteten sich zu Klagen, Weinen und Fasten.

DAS PESSACH DER SAMARITANER.

Aus einem Gespräch mit ihrem Hohepriester.

Wir feiern das Peßachfest sieben Tage lang. Der erste und der siebente Tag sind Feiertage, wo wir wie am Sabbath von jeder Arbeit ruhen, die Tage dazwischen sind Halbfeiertage. Unsere Mazzoth backen wir für jeden Tag neu, und zwar auf einer Bratpfanne; wir lassen sie nicht säuern, Salz aber tun wir hinein, denn Salz ist einer der sieben Bünde, die Gott mit Israel schloß. Es heißt ja: „Laß Salz nicht fehlen, den Bund deines Gottes.“

Die sieben Tage lang wohnen wir alle in Zelten auf dem Berge Garisim, jede Familie in einem besonderen Zelt, und da ist noch ein großes Zelt für die ganze Gemeinde. Bei Sonnenuntergang am Erew Peßach bringen wir das Peßachopfer auf dem Altare, der jedes Jahr für diesen Zweck errichtet wird. Zuerst erklären wir Priester der Gemeinde in hebräischer und arabischer Sprache den Sinn und die Entstehung des Festes, dann beten wir ein besonderes Gebet in arabischer Sprache für unsern König und Herrn, den Sultan. Dann schlachten die Schlächter die Schafe, von jeder Familie eins. Wenn die Tiere abgehäutet, die Gedärme und die Spannader herausgenommen und Salz daran getan ist, wird ein hölzerner Spieß durch das Maul durchgestoßen. So wird das Opfer in eine große Grube gelegt, die im Berge ausgegraben ist und worin Feuer angezündet wird. Die Öffnung der Grube wird dann mit Lehm verschlossen und das Peßachopfer darin drei Stunden lang gebraten, das Haupt mit den Schenkeln und Eingeweiden. Um Mitternacht aber essen wir es mit Lied und Gesang. Und du magst mir glauben, mein Freund, daß es herrlich schmeckt wie Manna, besser als alles Gebratene und jede köstliche Speise, die man an jedem beliebigen Tage bereiten kann. Und doch ist unser Peßachopfer nur wie eine Ahnung von dem wahren Peßachopfer, das wir darbrachten und das wir wieder darbringen werden, wenn das Heiligtum an seinem Platze errichtet sein wird.