Also saß Jechiel-Michal, der Schuldiener, wie ein König, wie jeder Mann in Israel, und vor ihm stand Sara-Lea mit dem Becken voll reinen Wassers. Jechiel-Michal wusch seine Hände und betrachtete das Becken, ein köstliches Gefäß. Wenn Gott ihr die Gnade gewähren würde, daß sie nach Jerusalem käme, würde sie es für einen heiligen Ort stiften, damit die Kohanim, die Priester, darin ihre Hände waschen, wenn sie zum Segen gehen. Schon hier hatte man es ja an jedem Feiertag vom Hause ihres Mannes in das alte Beth-Hamidrasch gebracht, Jechiel-Michal hatte es mit Wasser gefüllt und die Kohanim hatten ihre Hände darin gewaschen. Und jetzt stand die Hausfrau selbst vor ihm und bediente ihn mit diesem Becken!
Jechiel-Michal tauchte die Petersilie ein, brach die Mazzoth und sagte die Hagadah. Sara-Lea hört zu und schickt ein stilles Dankgebet zu dem heiligen Gottesnamen empor, daß er ihr beschieden hat, in ihrem Hause einen richtigen Peßach mit allem, was dazu gehört, zu erleben. Vor Jechiel-Michal weicht die schwere Last und das Leid, er sitzt zurückgelehnt, sein schweres Haupt sinkt in die Kissen, der Schweiß ringelt seine Schläfenlocken und es scheint ihm, als versinke er in einen tiefen Abgrund. Er weiß nicht, wie ihm geschieht; er weiß nur, daß unendliche Gnade die Welt umfängt. Sein Blut pocht und stürmt, fast empfindet er Schmerz; allein er fühlt das Verlangen, der Schmerz möchte tiefer werden, siebenmal tiefer, und er möchte in den Abgrund hinabfallen.
Das Städtchen ruht stille und lautlos unter dem fahlblauen Himmel, welcher von dem vielen Staub, der vor Peßach aus Häusern und Höfen aufgestiegen, wie verschleiert ist. Der Mond bahnt sich einen Weg und der Himmel wird klar. Und die Nachtstrahlen weben einen Baldachin über dem kleinen Häuschen, das in die Heiligkeit des Festes versinkt. Ein kühles Frühlingslüftchen kommt, stiehlt sich durch eine Fensteröffnung, bläst einen Augenblick herein und kämpft einen kleinen Krieg mit der warmen Luft im Zimmer; und in der Stube summt es wie ein Plätschern von Wellen und es dünkt ihnen, als führen sie: sie sitzen auf dem Schiffe, mitten im großen Meer, auf dem Wege nach Erez-Israel, wohin ihre Seele sich sehnt; und allbereits schmiegen sie sich an die heilige Erde und sehen die heiligen Stätten mit Augen. Die herabgebrannten Kerzen flimmern in den Leuchtern, da das Lüftchen sie trifft, erheben ihre Augen und blicken Jechiel-Michal und Sara-Lea still ins Gesicht.
Jechiel-Michal liest die Hagadah und trillert mit seiner Stimme und sagt: „Er baue sein Haus balde!“ Aus den Häusern der Gasse trägt der Frühlingswind das Echo über die ganze Stadt: El benej, el benej; baue, o Gott, baue!
Jechiel-Michal singt und sagt: „Leschanah habaah bijruschalajim!“ Und die Phantasie, die dem Menschen so tief eingepflanzt ist, läßt ihn denken, schon hier sei ein Stück Erez-Israel; er fühlt schon die Luft des Landes; aus den Zweigen klingt das süße Zwitschern eines Vogels und im Hause Sara-Leas, der Witwe, singt eine Stimme Schir haschirim.
VON DER WALLFAHRT ZUM FESTE.
„Wie schön ist dein Gang in den Schuhen“ — so heißt es im Hohen Liede; gemeint aber ist: wie schön sind Israels Füße, wenn sie zum Feste wallfahren.
„Und niemand soll nach deinem Lande trachten, wenn du hinaufsteigst“ — dies lehrt uns, daß des Wallfahrenden Kuh ruhig auf ihrer Wiese grasen konnte; kein wildes Tier tat ihr etwas zuleide. Das Huhn konnte auf dem Miste scharren, kein Wiesel tat ihm wehe.
Einst geschah es, daß einer vergaß, die Türe seines Hauses abzusperren, als er zum Feste nach Jerusalem pilgerte. Als er heimkehrte, da fand er eine Schlange, die sich um den Ring der Tür gewunden hatte.
Auch vergaß einer die Hühner in sein Haus einzulassen. Als er kam, da lagen die Katzen zerrissen vor den Hühnern. Auch vergaß einmal ein Wallfahrer einen Getreidehaufen in den Speicher zu schaffen. Da er von der Wallfahrt heimkehrte, da hatten sich Löwen schützend um den Haufen gelagert.