Zwei reiche Brüder wohnten einst in Askalon. Die hatten böse Nachbarn — von den Völkern der Welt waren die. Immer dachten sie nur: Wann werden diese Juden schon nach Jerusalem ziehen, dort zu beten, daß wir in ihr Haus einbrechen und dort alles plündern, was da ist. Es kam die Zeit des Festes und die zwei Brüder zogen nach Jerusalem. Da bestellte Gott an ihrer Statt zwei Engel, die nahmen ihre Gestalt an und gingen in ihrem Hause ein und aus. Als die Brüder aus Jerusalem heimkamen, sandten sie all ihren Nachbarn Geschenke von allen guten Dingen, die in Jerusalem zu kaufen gewesen waren. Da fragten die Nachbarn: Wo wart ihr denn? Antworteten sie: in Jerusalem. — Wann habt ihr euch auf den Weg gemacht? — Damals und damals. — Und gekommen? — Dann und dann. — Und wen habt ihr zurückgelassen? — Keinen Menschen. — Da sprachen die Heiden: Gepriesen sei der Gott der Juden, der sie nicht verlassen hat und sie nicht verlassen wird in alle Ewigkeit...
Rabbi Jizchak sagte: Warum gibt es in Jerusalem nicht die süßen Früchte von Ginossar? Damit die Wallfahrer sich nicht sagen: Schon um der Ginossarfrüchte willen lohnt es sich, nach Jerusalem zu pilgern. Darum — sagte Rabbi Dostai — gibt es in Jerusalem auch nicht warme Quellen wie in Tiberias. Auf daß wir nach Jerusalem nicht wallfahren um anderer Dinge willen: nur wegen des Festes und wegen der Freude des Festes.
PESSACH IM KAUKASUS.
Von Z’wi Kasdai.
Mit dem Neumond des Nissan beginnt man den Weizen für das Peßachmehl zu mahlen, und während des Mahlens steckt man in der Mühle Wachskerzen an. Den Weizen aber bewahrt man im Haus von den Monaten Thammus und Ab her auf, wo in jenen Gegenden die Weizenernte beendigt wird. Denn bei ihnen besteht bis heute der Gebrauch, daß die armen Frauen hinter den Schnittern her auf die Felder sammeln gehen, sogar zu den Nichtjuden; was sie aufgelesen haben, dreschen sie jeden Abend aus und verkaufen es zu Mazzothmehl.
Sie backen die Mazzoth in einem geräumigen Backofen, der unten breit und oben schmal ist, wie ein umgekehrter Topf. Wenn er mit Stroh oder Mist ausgeheizt ist, legen die Frauen, die den Teig kneten, die Mazzoth an seine Wände an. Jeden Abend stellt man Wasser für den folgenden Tag zurecht. Dann versammeln sich die jungen Frauen und die Mädchen im Backhause, wo sie in der Arbeit abwechseln. Sie sitzen voll Erregung und Spannung auf dem Boden, kneten den Teig in einem kupfernen Gefäß, walzen ihn aus und lassen ihn „rädeln“. Dann bringen sie ihn schleunigst in den Backofen.
Während der letzten Woche vor dem Fest herrscht große Bewegung. Die Frauen machen sich an ihre große Arbeit, säubern, reiben, putzen, waschen. Das wichtigste ist ihnen, daß sie die Kupfergeräte recht schön und glänzend machen; darauf wird bei den Völkern des Kaukasus, die viel kupfernes Geschirr verwenden, großer Wert gelegt. Aber auch den Sattel und das Zaumzeug putzen sie gründlich und hängen es in den Winkeln ihrer Wohnung auf. Die Männer aber beschäftigen sich eifrig damit, das Chamez zu verbrennen; von der Sitte, das Chamez zu verkaufen, wissen sie dort nichts. Denn sie nehmen alles ernst und streng. Am Erew Peßach fasten alle erstgeborenen Söhne, es gibt für sie keine Befreiung durch Loskaufen oder durch Beendigung eines Studienabschnittes. Vom Mittag an sind sie mit der Vorbereitung des Karpas und des Charoßeth beschäftigt, das sie alle acht Tage als einen richtigen Gang aus einer großen Schüssel essen.
Wenn sich der Tag neigt, ziehen die Männer „Freiheitsgewänder“ mit weiten bauschigen Ärmeln an, stecken einen kurzen Speer in ihren Gürtel — manche nehmen auch ihre Pistolen — und gehen in das Beth-Hamidrasch zu Gesang und Gebet. An diesem Abend singen sie nämlich alle das große Loblied Wort für Wort zusammen mit dem Vorsänger. Kehren sie aber heim, so finden sie ihre Hütte bereits zu Ehren des Festes mit vielen Kerzen beleuchtet. Die alten Frauen hüllen sich in ihre Tücher, die jungen Frauen aber und die Mädchen in Linnen- und Webestoffe und flechten Rosen und andere Blumen in ihre Locken und Zöpfe. Sie holen eilig, was sie vorbereitet haben, gebratene Gänse, gestopfte Truthähne, Mazzoth, Maror, eine Schüssel Charoßeth, und bringen es ihren Männern nach dem Hause des Rabbiners. Denn es ist bei ihnen Sitte, daß sich viele Familien im Hause eines der „Gelehrten“ versammeln; es kann aber auch bei einem einfachen Familienvater sein, wofern er gut hebräisch kann und die Hagadah in ihre (tatarische) Sprache zu übersetzen versteht. So sitzen sie denn nach ihrer Art auf dem Boden und der Gelehrte übersetzt ihnen mit vieler Innigkeit die Hagadah. So wie früher der Brauch war, daß sich mehrere Familien zu einem Lämmlein ansagten und in einem Hause zum Seder versammelt waren, so ist es bei ihnen noch heute, daß immer einige Familien zusammenkommen. Das fördert ihr Zusammengehörigkeitsgefühl und ihre innige Brüderlichkeit sehr.
Es ist ein schönes Bild, wie sie dasitzen, gekleidet in ihre Freiheitsgewänder, so breit und bauschig, den Gürtel um ihre Lenden und den kurzen Spieß an der Seite. Sie sitzen in einer Reihe, geordnet wie Soldaten, die nach dem Kampfe ruhen. Zwischen den Reihen sind kostbare persische Teppiche ausgebreitet, für die das Wort der Megillah gilt: „Weißes Zeug und purpurblaues Tuch, eingefaßt mit Schnüren von Byssus und Purpur.“ Und auf ihnen stehen prächtige Leuchter mit brennenden Kerzen.
Die Frauen, die das ganze Jahr in ihre Zimmer zurückgezogen sind, kommen zum Seder mit unverschleiertem Gesicht und geschmückt mit goldenen Ohrgehängen und köstlichen Ringen von Saphirstein und Diamanten; um den Hals tragen sie goldene und silberne Münzen auf einen blauen Faden gereiht, um die Lenden silberne Kettengürtel; die jungen Frauen aber und die Mädchen tragen Rosen und sonstige Blüten ins Haar geflochten, die den schönsten Duft verbreiten. In dieser Nacht fürchten sie keinen bösen Blick und keine argen Geister, denn es ist eine Nacht, da Er wacht...