Daß endlich auch ich, Leeser Mendel Melamed,
Verschnaufe die leidige, zehrende Mühsal;
Daß mein tägliches Brot — und seis noch so bitter —
Nur aus Deiner Hand komme, allmächtiger Vater,
Nur aus Deiner Hand komme, barmherziger Gott!
PESSACH IM JEMEN.
Dem Osterfest sieht man mit der größten Andacht entgegen. Schon am Tage nach Purim beginnen die Vorbereitungen. Da man hier nicht wie anderwärts neue Kleider zu nähen und die Wohnungseinrichtung instand zu setzen braucht, verbringt man Tage damit, die Wände frisch zu weißen, die Steine des Fußbodens besonders gründlich zu waschen und die Handmühlen zu putzen. Die wichtigste Angelegenheit ist die Herrichtung des Mehls für die „Asymas“ (Mazzoth). Das Korn, ob es nun Sch’murah (das seit der Ernte besonders für das Osterbrot aufgehobene) ist oder anderes, wird einzeln Korn für Korn gemahlen. Alte Frauen übernehmen die Arbeit des Mahlens.
Am Sabbath vor Ostern gehen Oberrabbiner und Richter in alle Synagogen der Stadt und ermahnen alle Gemeindemitglieder, ihre jungen Frauen recht sorgfältig beim Fortschaffen des Chamez zu beaufsichtigen. In anderen Städten der Türkei halten die Rabbiner an diesem Tage lange Predigten. Hier verstehen sie sich nicht gut auf öffentliche Reden, und wenn sie ihren Gemeindemitgliedern etwas zu sagen haben, setzen sie einen kleinen Artikel auf und lesen ihn mit eintöniger Stimme vor. In diesem Jahr beginnt das Peßachfest an einem Samstagabend; wir müssen das Gebet im Dunklen verrichten, denn im ganzen Judenviertel gibt es keinen einzigen Mohammedaner, der die Lichter anzünden könnte; eine einzige Lampe brennt seit dem vorigen Abend und gibt nur ein ganz blasses Licht. In dem kleinen Tempel von Gaveh sind 70 Personen eng aneinander gepreßt; alle Hausierer sind heute aus den Dörfern in die Stadt zurückgekommen.
Alle sitzen in ihre schwarzen Schemlas gehüllt auf dem Fußboden. Man beginnt mit dem Gebet: „Huldiget dem Ewigen“. Der heute funktionierende Vorbeter hat ein angenehmes Organ; er liest eine Strophe, der Chor antwortet mit der zweiten, und so wird der ganze Psalm abwechselnd vom Vorbeter und dem aus wenigen Personen bestehenden Chor vorgetragen. Plötzlich stimmt die Gemeinde das Hallelujah an, das ist ein Triumphgeschrei, ein Begeisterungsgesang, der in vollen Tönen durch den Raum schallt. Ich fühle mich nicht mehr einsam, und ich kann begreifen, wie sehr die zum lieben Gott emporgerichteten Bitten den Mut der Unglücklichen in den Tagen großen Leids aufgerichtet haben. Es ist dunkle Nacht geworden, der Sabbath ist vorüber; nun werden die Lampen angezündet, und der Gottesdienst wird in dem üblichen Lärm zu Ende geführt.
Ich bin beim Oberrabbiner zum Seder eingeladen und habe die Einladung unter der Bedingung angenommen, daß ich mir das Essen aus meiner Wohnung schicken lassen darf. Wir kommen in das vollständig finstere Haus. Mein Wirt zieht seinen Talar aus, um die Lampen zurecht zu machen, und ich gehe inzwischen in die Küche, weil ich gern das Vorbereiten der Mazzoth beobachten möchte. In einem kleinen Raum ist an der Längsseite eine Art breiten Sofas aus Ton angebracht, auf dem man große Löcher bemerkt, das sind die hiesigen Backöfen.