Auf der Erde sitzt eine Frau und rührt mechanisch das in einer Terrine befindliche Wasser um; in das Wasser schüttet sie ein Maß Mehl, und während sie mit der linken Hand die Terrine festhält, knetet sie mit der rechten das Mehl und macht daraus einen Teig. Das Wasser genügt nicht; sie nimmt mit der linken Hand Wasser, knetet mit der rechten weiter und balanciert dabei die Terrine mit großem Geschick. Fast eine Stunde lang wird der Teig so bearbeitet, bis er schließlich ganz weiß und sehr elastisch wird. Während dieser Zeit wird der Backofen geheizt und verräuchert das ganze Haus. Nachdem der Teig fertig ist, wird er in einzelne Teile geschnitten, die man auf eine Platte legt; die Mutter des Rabbi nimmt ein mit einem Tuch bedecktes Kissen — in der Art der von Putzmacherinnen benutzten Haubenköpfe —, breitet den Teig aus, dann versenkt sie die Hand in den Backofen, drückt den Teig gegen die erhitzte Wand und zieht eine Minute später einen weißen knusperigen, sehr appetitlichen Kuchen daraus hervor. Welcher Unterschied zwischen diesem Gebäck und den dicken, schweren und unverdaulichen Osterbroten der Türkei! Hier werden sie täglich zweimal frisch gebacken und dabei die größte Vorsicht zur Vermeidung des Chamez angewendet; es ist sehr mühsam für die Hausfrau, aber ihr Leben setzt sich nur aus Arbeit und Trübsal zusammen.

Ich kehre in das Zimmer zurück. Der Oberrabbiner hat inzwischen die Lampen angezündet und seine Funktion als Schochet ausgeübt, indem er vor der Haustür einen Hammel und ein Kalb schlachtete. Jetzt ist er wieder hier; sein Bruder mit seiner Familie und einige Nachbarn sind erschienen, um dem Seder beizuwohnen. Die Tafel wird hergerichtet; sie besteht aus einer niedrigen Fußbank, um deren Rand man kreisförmig Rüben, Petersilie und Kresse legt. Das bildet einen etwa 50 cm hohen Kreis, dessen Innenraum von den Töpfen mit verschiedenen Eßwaren ausgefüllt ist. Während man auf die Fertigstellung der Mazzoth wartet, wird, wie gewöhnlich, ein religiöses Thema diskutiert. Zum Beispiel: Warum wird der Wein der Arba Kossoth nicht in ein einziges Glas gegossen; warum trinkt man nicht alles auf einmal aus — hieße das ein Gesetz oder einen Brauch verletzen? Jeder spricht seine Meinung aus, und der Diener, ein alter neben dem Oberrabbiner sitzender Junggeselle, erklärt, man brauche die Arba Kossoth, um viermal statt eines einzigen Mals den Segensspruch sprechen zu können.

Auch die Frauen sind ins Zimmer gekommen. Der älteste Sohn füllt die Gläser, man macht Kiddusch, wäscht sich die Hände und liest mit großer Geschwindigkeit die Hagadah. Da keine Kinder bei Tisch sind, brauchen nicht viele Erläuterungen gegeben zu werden. Bei der Stelle, wo von den zehn Plagen die Rede ist, wird ein Scherben herbeigeholt, in den der Oberrabbiner zehn Tropfen Wein aus seinem Glase träufelt. Man liest weiter. Wenn man an dem Absatz angelangt ist, der mit den Worten: „Bezeth Jisrael Mimizrajim“ beginnt, rufen alle Anwesenden beim Schluß jeder Strophe: „Hallelujah, hallelujah!“ Der letzte Abschnitt der Hagadah ist ein schöner Gesang zum Preise des Schöpfers, der in unseren türkischen Buchausgaben nicht abgedruckt ist.

Das Sedermahl

Beim „Karpas“ pflegt man im Orient und Okzident ein Sellerie- oder Petersilienblättchen in Essig zu tunken; hier nimmt man zu einer kleinen Kugel zusammengerollte Petersilie — ungefähr in der Größe einer Olive — und tunkt sie in das Charoßeth. Diese Mischung, die an den Mörtel erinnern soll, den unsere Vorfahren in Ägypten herstellen mußten, wird hier aus dreizehn verschiedenen Zutaten zusammengesetzt: aus Datteln, Äpfeln, Mandeln, Sesam, Nelken usw. Nachdem die Vorlesung der Hagadah beendet ist, wird nach Landessitte gespeist, indem alle ihre Hände in denselben Napf stecken. Danach kommt das Tischgebet und das „Sch’foch“ und der Seder ist vorüber.

Am zweiten Peßachabend bin ich beim More Aron Cohen, Richter beim Beth Din; er ist ein prächtiger stattlicher Greis mit schönem, langem, weißem Bart und immer freundlichem, sympathischem Gesicht. Der Imam hatte ihn zum Oberrabbiner ernennen lassen, er legte diese Würde aber bald ab und nahm dafür den Posten eines einfachen Richters an; er wollte sich nützlich machen, ohne dafür Ehrungen oder Vorteil zu gewinnen. Von Beruf Schneider, näht und stickt er den ganzen Tag an den Galamänteln für die Araber, die ihn sehr lieben und ihn gern bei sich empfangen. Er ist das Oberhaupt einer Patriarchenfamilie, die er mit Milde regiert. Von seinen fünf verheirateten Söhnen, die mit ihren Familien in seinem Haus wohnen, sind drei bereits Großväter. Es ist eine Freude, in dieses gottgesegnete Haus zu kommen.

Die eilige Flucht aus Mizrajim

More Aron liebt die Poesie der alten Bräuche und hängt an der Vergangenheit. Der Wohlklang seiner Stimme hat sich trotz seines hohen Alters noch voll erhalten, darum hat der von ihm abgehaltene Seder einen großen Reiz. Vor Beginn der Vorlesung bricht er eine Mazzah in zwei Teile, hüllt sie in ein Tuch, legt sie auf die Schulter und spaziert damit durch das ganze Haus: das bedeutet den Auszug aus Ägypten. Die Mah nischtanah wird von zwei seiner Enkel ins Arabische übersetzt, „damit die Frauen auch etwas davon verstehen“, erklärt mir der milde Greis. Wenn man das „Kamah Maaloth Toboth“ beginnt, setzen Männer und Frauen sich um die Tische und heben diese in die Höhe, sobald das Dajenu gesagt wird, lassen sie die Tische mit einem Ruck wieder herunterfallen. Die letzten Strophen werden mit großem Nachdruck vorgetragen. Nach der Mahlzeit wird in sehr vergnügter Stimmung das „Sch’foch“, das Hohelied, das „Echad mi jodea“ und das „Chad Gadja“ gelesen. Erst um Mitternacht war das Fest beendet.

DER SEDER DES UNWISSENDEN.

Eine chassidische Legende von Martin Buber.