Aber ob auch jeder unserer lieben Leser weiß, was es mit dieser Bezeichnung auf sich hat, und wie sehr dieselbe berechtigt, denjenigen, welchem sie mit voller Wahrheit zukommt, unter die bedeutenden Menschen zu zählen, denen in diesem Büchlein ein ehrendes Gedächtnis gestiftet werden soll?

Was man unter Sklaven versteht, brauchen wir ja wohl niemandem erst weitläufig zu erklären. Jedermann hat ohne Zweifel von jenen unglückseligen Menschen gehört, die von anderen Menschen, ihren Brüdern, in der entsetzlichsten Knechtschaft gehalten werden; über die von diesen, ihren sogenannten Herren, das vollste unbeschränkteste Eigentumsrecht in Anspruch genommen wird; die wie das Vieh oder eine tote Ware gekauft oder verkauft werden und meistenteils auch kaum eine bessere Behandlung wie das Vieh erfahren.

Und wer etwa schon solch ein Buch gelesen hat, wie das wohlbekannte auch ins Deutsche übersetzte der Amerikanerin H. Beecher-Stowe, welches den Titel führt: »Onkel Toms Hütte«, der hat auch schon einen Einblick bekommen in das herzzerreißende Elend, welches die Sklaverei im Gefolge hat. Und wenn er nur ein menschlich fühlendes Herz in der Brust trägt, das sich von Jammer und Elend, wo und wie sie ihm begegnen, rühren läßt, geschweige denn, wenn sein Herz ein christliches ist, in welchem das Gebot lebt: Liebe Deinen Nächsten wie Dich selbst! so kann er nicht anders, als seine höchste Achtung Solchen zollen, die ihre ganze Kraft einsetzen, um das Elend der Sklaverei lindern zu helfen, ja die auf die gänzliche Abschaffung der Sklaverei hinwirken, welche ohne Zweifel der größte Schandfleck für die Menschheit ist, der nur gedacht werden kann.

Aber, so fragt man unwillkürlich, wie war es überhaupt möglich, daß etwas so Entsetzliches und Schändliches wie die Sklaverei in der Welt aufkam? Wie war es möglich, daß sich Menschen dazu herbeilassen konnten, andere Menschen in eine Lage zu setzen, in welcher die Menschenwürde geradezu mit Füßen getreten ist?

Auf diese Frage kann man denn aber nur die rechte Antwort finden, wenn man erwägt, daß von Uranfang her das Psalmwort (Psalm 10, 10) seine Wahrheit hatte: »Der Gottlose zerschlägt und drückt nieder und stößt zu Boden den Armen mit Gewalt«; daß von jeher der Stärkere, weil er dazu befähigt war, sich auch berechtigt hielt, den Schwächeren zu unterdrücken und sich dienstbar zu machen. So war es ja, wie gesagt, von Uranfang her, seitdem durch das Eindringen der Sünde in die Welt und durch den dadurch hervorgerufenen Abfall der Menschenherzen von Gott, in diesen an die Stelle der Liebe, dieses Abglanzes des göttlichen Wesens, die Selbstsucht getreten ist; so ist es noch heute, wo das Recht des Stärkeren ohne Scheu als ein natürliches, unangreifbares Menschenrecht hingestellt, und auch in den Schranken, die das Gesetz nur irgendwie zuläßt, mit der furchtbarsten Rücksichtslosigkeit geübt wird; so wird es auch bleiben, solange nicht das Grundgesetz des Christentums, das Gesetz der selbstverleugnenden Liebe allenthalben zur vollen Geltung gekommen ist, wonach der Starke seine Stärke nicht zur Unterdrückung, sondern zum Schutze des Schwachen verwenden soll.

Die Sklaverei an und für sich ist deshalb auch fast so alt wie das Menschengeschlecht, und jedenfalls so alt als die Kriege in der Welt sind. Denn die ersten Sklaven waren ohne Zweifel Kriegsgefangene, die man zum Knechtsdienste zwang und gegen die man, weil sie Volks- oder Stammesfeinde waren, an deren Hände das Blut der eigenen Landsleute und Stammesgenossen klebte, ungescheut jede Grausamkeit und Gewaltthat glaubte üben zu dürfen. Erst allmählig mag sich dann die Sklaverei als ein dauernder, sogar gesetzlicher Zustand herausgebildet haben, bei welchem die Sklaven als lebende Ware betrachtet und mit voller Rechtsgiltigkeit gekauft und verkauft wurden.

Die alten Denkmäler Ägyptens mit ihren Inschriften und Bildwerken erheben es zur unbestreitbaren Gewißheit, daß dort im Nillande schon etwa 1600 Jahre vor Christo die Sklaverei bestand, daß vollständige Sklavenmärkte abgehalten wurden, ja daß schon damals Negersklaven vorkamen, jedoch wohl nur als Kriegsgefangene, nicht aber als Glieder der Menschenrasse, die vorzugsweise zur Sklaverei bestimmt sei und bei der schon ihre Hautfarbe den Bann und den Fluch der Sklaverei bedingte. Der traurige Ruhm, diese letztere Anschauung von der Bestimmung der schwarzen Menschenrasse zur Sklaverei aufgebracht und diese Rasse als eine niedrige Menschenart hingestellt zu haben, die sich vom Tiere kaum anders als durch die äußere Gestalt unterscheide, fällt leider auf die christlichen Nationen der Neuzeit. Und, um dies hier schon einzufügen, leider wurde sogar aus dem Worte Gottes zu beweisen gesucht, daß die Sklaverei der Schwarzen ein gottgewollter Zustand sei. Man mißbrauchte nämlich jenen schweren Fluch, den Noah über die Nachkommen seines Sohnes Ham, den man als den Stammvater der schwarzen Rasse ansieht, aussprach, wie 1 Mos. 9, 25. 27 zu lesen steht, als Beweisstelle dafür; man nahm also einen menschlichen Vaterfluch, der durch eine schwere Sünde des Sohnes hervorgerufen war, als Ausdruck eines göttlichen Willens und begründete dadurch jene heillose Verwirrung der Gewissen, aus der, als aus einer trüben Quelle, all das entsetzliche Elend der Negersklaverei, all die grauenhaften Grausamkeiten des Handels mit Schwarzen hervorfloß.

Auch unter den Juden findet sich schon in frühester Zeit Sklaverei und Sklavenhandel. Abraham besaß eine Menge von »Knechten«, die wohl nichts anderes, als leibeigene Sklaven gewesen sind. Denn 1 Mos. 17, 23 werden ausdrücklich unter diesen Knechten solche unterschieden, die daheim im Hause geboren, und solche, die erkauft waren. Wir haben also da schon eine durch Geburt vererbte und ebensowohl eine durch Kauf zu stande gekommenene Knechtschaft, und zwar in sehr ausgedehntem Maße. Denn 1 Mos. 14, 9 werden allein 318 waffenfähige Knechte erwähnt, die im Besitze des Erzvaters waren.

Und weist nicht der Umstand, daß Jakobs Söhne ihren Bruder Joseph an israelitische Händler verkauften, ebenfalls darauf hin, daß der Sklavenhandel damals schon etwas ganz Gewöhnliches und Herkömmliches war?