Maria hatte sich zu ihm herabgebeugt, das Lächeln lag noch um ihre Lippen, aber nun sah sie in seine unglücklichen Augen und verstand sie nicht, und darum sagte sie:
»Ich kenne Euch nicht, Signor Riccardo, und weiß nicht, ob Ihr bei heiterem Spiel, wie dieser Kniefall wohl eines ist, immer so unglücklich schaut wie jetzt. Und weiß auch nicht, was ich Euch verzeihen soll, wenn Ihr dies Wort ernst gemeint habt! Ihr habt uns beide Freundinnen gestern, da Ihr als Fremder in eine große Gesellschaft tratet, verwechselt, aber weder ich, noch Francesca haben Ursache, sich beleidigt zu fühlen, wenn jemand uns verwechselt. Steht auf, Signor, und sagt mir, ob es Euch kränken würde, wenn Euch jemand für meinen Bruder halten würde?«
Sie sagte diese Worte so natürlich und doch so mild, daß Riccardo nur verwirrter wurde. Er brachte keine Antwort zuwege, er stammelte nur: »Ihr könnt ja nicht wissen, wie aufrichtig ich alles bedauere, was ich getan habe oder tun wollte!«
Und plötzlich umfaßte er stürmisch ihre Kniee und rief zu ihr empor: »Ihr wißt ja nicht, wie verworfen, wie elend ich bin und wie unglücklich! Und ich kann es Euch auch nicht sagen, was mich so unglücklich macht! Die Verwechslung hat damit gar nichts zu schaffen, wahrhaftig nicht, jedoch Ihr müßt Mitleid mit mir haben, denn ich bin unglücklich; aber ich verdiene Euere Verzeihung nicht, obgleich sie allein mich retten könnte!«
Seine Stimme war so ehrlich und seine Augen sahen so traurig und hoffnungslos zu der erschrockenen Maria empor, daß sie ihm nicht wehrte, so ängstlich sie auch das seltsame Gebaren des vor ihr Knieenden verfolgte. Er schien ihr gegen den gestrigen Abend so verändert, daß sie sich fragte, ob er wirklich der weltkundige Offizier und Freund ihres Bruders sei. Sie sagte indessen mit sanften Worten zu ihm:
»Wie könnte ich Euch etwas verzeihen, was ich nicht kenne und was mich nicht beleidigt hat? Steht auf, Signor, wir wollen jetzt nach Hause reiten, vielleicht sänftigt sich dabei Eure Erregung, und wollen dort auf Emilio warten, dem Ihr sagen könnt, was Euch so bewegt! Ist es Euch so recht?«
Da erhob er sich vom Boden, verwirrt und hoffnungslos, und dankte ihr mit stummem Blicke; und sie gingen eine Strecke weit zwischen den Pferden, die sie an den Zügeln führten, in den Wald hinein. Dann aber blieb er stehen, er kämpfte mit sich, ob er Maria sein Herz eröffnen solle. Und er begann ihr zu erzählen:
»Ich habe eine Schwester zu Hause, sie mag in Eurem Alter sein, und sie lebt mit unserer Mutter einsam in den Bergen über Genua. Und diese beiden Frauen waren mein Traum in den Nächten auf dem Meere und mein Glück und Stolz in der Ferne. Wenn ich an sie dachte, so war mein Leben inhaltsreich, ich wußte, daß ich leben durfte und leben mußte, denn ich hatte jemanden, für den es sich zu leben verlohnte. Aber als ich nun nach Hause kam ...«
Er wollte weitererzählen, aber er sah das reine Mädchen an seiner Seite an, das ihn mitleidig betrachtete, da stockte er und sagte dann nach einer langen Unterbrechung:
»Ihr könnt Euch vorstellen, wie Emilio sich darauf freut, nach Hause zu kommen, wie ihn die Sehnsucht erfüllt, Eure Eltern und Euch wiederzusehen! Und was könnte ihn auch Schlimmes überraschen? In Genua hat er gehört, daß Ihr gesund seid, Eure Briefe haben ihn darüber beruhigt. Ihr könntet vielleicht indessen einen edlen Mann mit Eurer Liebe beglückt haben, mit Eurer reinen Neigung beglückt haben,« wiederholte Riccardo, ohne es zu wissen, »und diese Veränderung könnte Emilio vielleicht einige Stunden verwirren, ehe er den Mann Eurer Wahl kennen gelernt hat. Ach, Maria!« rief er plötzlich wie verzweifelnd aus, »ich kann Euch meine Heimkunft nicht schildern, ich bin um all mein Glück, um meine ganze Zukunft betrogen! Und das Furchtbarste ist – und zu dieser Erkenntnis hat mich Euer lieber Anblick gebracht, das Niederschmetternde ist das sichere Bewußtsein, daß ich meine Schwester nicht mehr lieben kann, daß ich nunmehr meine Heimat, daß ich meine Berechtigung zum Leben verloren habe! O, Maria, forschet nicht nach meinem Geschick, aber habt Mitleid mit mir, vergebt mir meine Schuld, wenn Ihr sie auch, dem Himmel sei Dank, nicht begreifen könnt! Ich will hier im Walde warten, bis Euer Bruder kommt, und entschuldigt mich bei Euren Eltern, zu denen ich nun nicht mehr zurückkehren kann. Mein Diener wird mir mein Pferd bringen und ich will fürderreiten. Lebet wohl!«