Der Ritter aber war ein viel zu selbstsüchtiger Mann, als daß er die Begleitung der Jungfrau als ein großes Opfer angesehen hätte, und nahm sie vielmehr als etwas Selbstverständliches und gar nicht Dankenswertes hin, indem er den Arm des Mädchens weidlich als Stütze ausnützte, jede Handreichung von ihr forderte und so ein unwirscher und lästiger Geselle blieb, wie er es immer gewesen war. Jeder Schritt war die erneute Ursache eines tiefen Seufzers für ihn, jede Speise, die ihm in den schlechten Herbergen geboten ward, eine Gelegenheit zur lauten Unzufriedenheit, so daß das arme Clarißchen in den ersten Tagen gar nicht dazu kam, ihren Schatz aus dem Mantel hervorzuholen und ihrer Lust zu frönen. Nur abends, ehe sie in irgend einer Dachkammer oder Scheune ihre müden Glieder auf das Lager streckte, während ihr dicker Herr und Gebieter das beste Bett des Wirts für sich in Anspruch nahm, glückte es ihr zuweilen, sich an ihrer Schönheit zu freuen und mit herzlicher Lust zu sehen, wie ihr Blondhaar länger wurde und sich zärtlich um ihre Schultern ringelte, oder wie ihre Wangen sich röteten in einem gesunden und bräunlichen Rot, das ihr gar lieblich anstand. Und es war überall, wo sie hinkamen, ein großes Aufsehen mit ihr, und immer wieder mußte der melancholische Graf zarte oder deutliche Anspielungen hören, was für ein herrliches Mädchen er sich auf die Reise mitgenommen habe.
Aber diese Worte fielen neben seinen Ohren nieder, ohne daß er sie einer Überlegung für wert hielt, da dem Armen ja jegliche Lust am Weibe geschwunden war und er nur immer an sein Unglück und sein Leid denken mußte; höchstens, daß er ein pfiffiges Gesicht machte, wenn ihn die Leute ob seines Geschmackes einmal recht ordentlich lobten, weil es ihm wohltat, als ein so überaus feiner und geschmackvoller Pilger angesehen zu werden. Denn so sehr er auch seufzte und jammerte, tat ihm die reichliche Bewegung im Freien doch wohl, und die Kräfte kehrten mit jedem Tage mehr in das Gebäude seines stattlichen Körpers wieder. Seine bleiche Farbe wich einem leichten Rot und die Wucht seines Armes lag immer leichter auf der runden Schulter seiner Stützerin, da er bald selbst ordentlich ausschreiten konnte, wenn er auch nicht unterließ über jeden Stein am Wege oder jeden Regentropfen, der ihn näßte, einen ordentlichen Fluch loszulassen. Die blühende Clarissa pflegte und betreute ihn wie eine Mutter, und ein ungemeines Glücksgefühl durchströmte sie dabei, daß sie einen kranken Menschen so warten dürfe und dieser große und gewaltsame Mensch wie ein Kind auf sie angewiesen war.
So wanderten sie erst schweigsam durch die Lande, nur daß die Flüche des Ritters und seine Verwünschungen ihre Schritte begleiteten. Denn er war gar nicht neugierig, nach dem Leben seiner Begleiterin zu fragen oder nach ihren Wünschen zu forschen. Aber nach einigen Tagen hielt es Clarissa nicht mehr aus, so stumm neben dem traurigen Ritter einherzugehen, und fing von selbst von ihrem Leben, das gar einfach war, zu berichten an, und der Graf ließ sie gewähren, weil ihm der Weg auf diese Weise minder eintönig wurde. Er vergaß dabei wohl auch etliche Male zu jammern und stellte sogar nach einigen Tagen, da der Redestrom seiner Begleiterin zu versanden anfing, Fragen, die sie in ihrer munteren und freundlichen Art beantwortete. Und dann kam es so weit, daß er dem Mädchen zögernd und unwirsch sein Leben erzählte, ohne viel Rücksicht auf ihr Jungfrauentum, also daß sie manches hören mußte, was ihr die verdiente Nachtruhe mit bösen Träumen störte und sie nachdenklich und schreckhaft machte. Dann tröstete sie nur ein Blick in den Spiegel, der ihr zeigte, wie gut ihr das dunkle Rot paßte, das plötzlich ihre Wangen durchglühte, und wie seltsam ihre Augen aufleuchteten und die Lippen sich schürzten, wenn sie an die Reden des kranken Ritters dachte. Sie konnte jetzt schon ihr Haar, das ihr über den Rücken herabflutete, in goldschimmernde Flechten drehen und vergnügte sich nun lange damit, sie in verschiedenen Windungen um den Kopf zu legen, Bänder und Blumen hineinzuordnen und ihrem breitrandigen Pilgerhute alle erdenklichen abenteuerlichen Formen zu geben, je nach ihrer Stimmung, hoffnungsvoll geschwungen oder kühn auf die Seite gedrückt wie ein weiblicher Rinaldo. Und immer war sie von neuem von ihrem Anblick entzückt. Bei Tage aber wanderten sie tapfer dem Süden zu und waren schon mitten in den Tälern der Alpen angelangt, als ihr eines Tages der Ritter erkrankte.
V.
Es war aber nicht etwa eine schwere Krankheit, in die der Graf verfiel, sondern bloß die Ausbrüche seines Schmerzes und seiner Verstimmung über sein Leiden waren so gewaltige, daß Clarissa einen großen Schreck darüber empfand. Er mochte gestern abend in dem lieblich gelegenen Alpenhause etwas zu viel von dem saueren Landwein getrunken und ein wenig zu stark dem saftigen Fleische zugesprochen haben, also daß er sie in der Nacht an sein Lager rufen ließ. Er lag stöhnend und jammernd in seinem Bette und wälzte sich unruhig hin und her, ausrufend, daß dies nun seine letzte Stunde sei und er hier einsam und verlassen sterben müsse. Er zerriß das Bettlaken und kratzte den Bewurf von der Wand vor Wut und Schmerz und schrie, daß man ihn hierher gelockt habe, um ihn elendiglich verrecken zu lassen. Der Schuft von einem Bauer habe ihn sicher vergiftet, so brenne es in den Gedärmen und so rasende Schmerzen empfinde er. Dabei warf er von Zeit zu Zeit verstohlene Blicke auf die erschrockene Clarissa, ob sein Klagen nur auch die richtige Wirkung hervorrufe und sie begreife, was für ein gottverlassener Märtyrer er sei.
Clarissa war vom Lager aufgesprungen, als man sie wecken kam, und hatte nur eilig den Mantel umgeworfen, da sie zu dem durch das Haus brüllenden Ritter geeilt war. Nun stand sie bei seinem Lager und beugte sich über ihn, leise mit ihren Fingern über seine Stirn streichelnd, und der Mantel war ihr, ohne daß sie es merkte, von den Schultern geglitten. So stand sie da in ihrer Schönheit, die Fluten ihres goldenen Haares jauchzten über ihren schneeweißen Nacken und ihre vollen schimmernden Schultern, und ihr jungfräulicher Busen hob das groblinnene Hemde.
So beugte sie sich über den Grafen, der zum ersten Male seit langen, langen Jahren wieder mit Wohlbehagen und einiger Erregung eines Weibes Herrlichkeit anschaute. Aber er war ein zu verstockter Selbstling, als daß er darum weniger gestöhnt hätte, er wälzte sich vielmehr nur um so ungebärdiger auf seinem Lager und sparte nicht mit Flüchen und Schimpfworten, stieß die streichelnde Hand Clarissens von seinem Gesichte und warf das kalte Tuch, das sie ihm auf den Kopf legen wollte, weit in die Ecke. Da kniete das erschrockene Mädchen in tiefstem Mitleid neben dem Lager des kranken Grafen nieder und betete in ihrer Seelenangst inbrünstig zu Gott und rief die Mutter Gottes zu Hilfe, herzlich und innig, und nicht wie eine, die ein Geschenk des Teufels mit sich herumführt. Ihr Spiegel fiel ihr aber plötzlich in den Sinn, und weil er ihr wie ein Wunder und etwas Segensreiches und Heilkräftiges erschienen war erhob sie sich und eilte in ihre Kammer, um dem Ritter ihren Schatz zu bringen, damit auch er daran sein Herz heile.
Als der Ritter sie mit dem Spiegel in der Hand zurückkehren sah und sie ihm das Glas vor sein Gesicht hielt in ihrer Keuschheit und Herzensreinheit, da stieß er einen gräßlichen Fluch aus, weil er glaubte, daß sie ihn verspotten wolle, und warf dann den Spiegel mit aller Wucht auf den Boden, daß er in hundert Stücke zersplitterte; dann aber, als ob er seine letzten Kräfte ausgegeben hätte, sank er auf sein Kissen zurück, streckte sich und schlief ruhig und schmerzlos ein.
Clarissa war mit einem lauten Schrei in die Kniee gesunken und es war ihr, als ob mit ihrem geliebten Spiegel auch ihr Herz in Stücke bräche. Dann aber, als sie gegen das mondscheinerleuchtete Fenster sah, erschien es ihr, als stünde draußen die Mutter Gottes, genau so schön und lieblich wie auf dem Altarbilde im Kloster, an das sie jetzt zum ersten Male mit Wehmut und Reue dachte, und sie mit einem ernsten und langen Blicke ansähe. Da neigte sie die Stirn und betete lange, lange für das Heil ihres Ritters. Dann legte sie sich, als sie den Kranken so still und zufrieden schlafen sah, auf den Fußboden neben sein Lager hin und schlummerte bis in den Morgen.