Am nächsten Tage, als der Ritter morgens früher als seine schöne Begleiterin aufwachte, war ihm viel, viel wohler, als er sich eingestehen wollte. Und das erste, was ihm bei seinem Erwachen einfiel, war nicht sein Schmerz, sondern das Bild der holdseligen Pflegerin, wie sie sich über ihn gebeugt und seine Stirn gestreichelt hatte. Er sah das volle Blondhaar um ihren schönen Nacken fluten und die milden Hügel des Busenansatzes über dem sittsam geknüpften Hemde und schloß gleich wiederum als ein Schlemmer und Feinschmecker aus früheren Zeiten die Lider, um sich in dieses liebliche Morgenbild zu versenken. Als er dann die Augen wieder öffnete und die Maid auf dem Boden daliegen sah, den rechten Arm unter dem schönen Haupte, wie sie mit halb geöffneten Lippen friedlich schlummerte, da schaute er mit einigem Wohlbehagen auf die Schläferin und ward nicht satt, sie zu betrachten. Kaum aber, daß Clarissa die Augen aufschlug, als hätten die Blicke des Grafen sie geweckt, da schaute er schnell, wie ein trotziger Schuljunge, beiseite, die Augen schließend und Schlaf heuchelnd, bis er endlich mit einem tiefen Seufzer erwachte und mit Schmerzensausrufen den jungen Tag begrüßte. Nicht ein Auge habe er die ganze Nacht geschlossen, log er gleich in seiner alten Weise, wenn er auch vielleicht scheinbar den Eindruck eines Schlummernden gemacht habe. Ein Mann wisse sich eben zu fassen und winsele nicht herum wie ein Weib, wenn nur die Schmerzen ein wenig erträglich seien. Clarissa natürlich, sagte er giftig, sei da auf der Erde gelegen und habe geschnarcht wie eine Säge durch Querholz, daß er schon deshalb nicht hätte einschlummern können; und schon schrie er nach seinem Morgenimbiß, da ihm sonst sein Magen verbrenne.
Clarissa war aufgestanden und hatte den Mantel um sich gezogen, dann brachte sie dem Ritter sein Essen, las dann sorgsam die Spiegelscherben zusammen und trug sie traurig in ihre Kammer. Sie barg sie dort in ihr armes Tüchlein wie eine kostbare Habe, ohne auch nur die geringste Lust zu verspüren, in den Scherben ihr Antlitz zu beschauen. Denn es war ihr so seltsam im Herzen seit dieser Nacht, daß sie immerfort an den Grafen und seinen Schmerz denken mußte, mit einem tiefen, herzinnigen Mitleid und einem traurigen Gefühle darüber, daß er so barsch ihre Hand weggestoßen hatte; und sie wünschte sich nichts sehnlicher, als wieder ihre Hand auf seine Stirn legen zu dürfen. So machte sie sich rasch fertig und eilte dann wieder hinunter in die Stube des Ritters, um ihn zu pflegen, wenn er ihrer bedürfe.
Und er bedurfte ihrer gar sehr. Er nahm ihre Handreichungen hin wie etwas Selbstverständliches und war um so rauher, als er eine seltsame innere Nötigung empfand, sich immerfort von ihr pflegen und hätscheln zu lassen. Und je inniger und liebevoller sie sich seiner annahm, desto unebener und schlimmer ward er, weil es arme Menschen gibt, die nur dann glücklich sind, wenn sie quälen können. Im Herzen aber hatte er nur den einen Wunsch, daß bald wieder Nacht werden möge, damit er wieder Clarissa zu sich rufen und die Rundung ihrer Schultern und die Lieblichkeit ihres Leibes beschauen könne. Indessen lag er im Bette, aß und trank wie ein Gesunder, freilich, wie er sagte, ohne Hunger und Bedürfnis, nur um recht bald wieder aufbrechen zu können.
So war langsam Abend geworden und Clarissa hatte gefragt, ob sie sich neben ihn auf den Boden legen solle. Da war sie aber schlecht angekommen. Sie solle ihn in Ruhe lassen und sich in ihr Zimmer trollen, er wolle heute schlafen und da könne er ihr Schnarchen nicht brauchen. Er drehte sich der Wand zu und schwieg hartnäckig auf alle ihre Fragen, so daß sie es endlich aufgab, in ihn zu dringen, und sich leise aus dem Zimmer davonschlich.
Sie legte sich traurig auf ihr Lager und seufzte und seufzte und konnte lange keinen Schlummer finden.
VII.
Sie war aber kaum eingeschlafen, als auch schon wieder an der Tür gepocht wurde und die Wirtsleute sie holten, da der arme kranke Ritter wieder seinen Anfall habe. Sie hatte sich in ihrer Kammer gar nicht ausgezogen und nahm nun ihren Mantel um und eilte erschrocken und voll herzlichen Mitleids in das Zimmer des Märtyrers. Es schien in dieser Nacht noch schlimmer zu sein als in der vorhergehenden, wenigstens schrie der traurige Heinrich noch rasender und warf sich noch wütender im Bette hin und her. Es war aber nur ein ausgezeichnet durchgeführtes Schauspiel, das er sich selbst aufführte, weil er in uneingestandener Sehnsucht nach der lieblichen Pflegerin nicht hatte schlafen können und nur wünschte, sie möge ihm wieder wie gestern im bloßen Hemde, mit aufgelöstem Haare beistehen und sich liebreich über sein Lager beugen. Als er sie daher im Mantel und Kleid mit aufgesteckten Zöpfen in das Zimmer treten sah, zerrann seine Phantasie vor ihrem grauen Habit und er war ordentlich wütend darüber, daß sie seinem geheimen Wunsche nicht nachkam. Denn es hatte ihn zum ersten Male seit seiner Krankheit den ganzen Abend hindurch nur der eine Wunsch geplagt, sich recht innig an die Brust der holdseligen Clarissa anzuschmiegen, ihren Nacken zu streicheln und sich von ihren vollen Armen umfangen zu lassen.
Sie hatte ihr Lämplein auf den Tisch gestellt und beugte sich nun über den Armen, ihm die Stirn berührend. Er ließ sich das auch heute gefallen, nur daß er wie in einem plötzlichen Tollwerden des Schmerzes sich in ihren Mantel krallte und zerrte. Clarissa bebte und zitterte vor Mitleid mit seinem Schmerze und seufzte recht aus tiefstem Herzen, weil sie ganz untätig neben ihm stehen mußte und ihm sein Leiden so gar nicht abnehmen konnte. Sie strich ihm milde über das Haar und sprach zu ihm mit zärtlicher Stimme, als ob er ein krankes Kind wäre, das sie in den Schlaf wiegen wollte. Und als der Ritter aufstöhnte und mit klappernden Zähnen jammerte, daß ihn friere, da setzte sie sich auf den Bettrand zu ihm und breitete ihren Mantel über seine Bettdecke. Er aber umarmte sie wie in schrecklicher Angst und drückte sie heiß und fest an seine wogende Brust, daß ihr Hören und Sehen verging und sie in ihrer jungfräulichen Liebe zu ihm bereit war, ihm alles hinzuopfern, was er auch verlangte. Sie wehrte ihm nicht, als er an ihrem Kleide nestelte und sie zu sich ins Bett nahm. Und ein unbestimmtes und großes Glück und das heiligste Mitleid mit dem armen melancholischen Grafen, der aber in diesem Augenblicke schon ganz und gar nicht melancholisch war, durchströmte sie, daß sie die Augen schließen mußte und sich den Umarmungen des Ritters willenlos ergab.
Und als die Lampe früh erlosch und die Sonnenstrahlen in das Zimmer schauten, lagen die beiden in stillem Schlummer nebeneinander und der Arm des Ritters lag zärtlich unter dem schönen Haupte der Pilgerin.
Bald aber weckten sie die Sonnenstrahlen. Sie strich sich erst über die Stirn, als wolle sie sich auf etwas besinnen, so traumhaft war ihr zumute, dann aber übergoß eine tiefe Röte ihre Wangen, Tränen stürzten aus ihren Augen und ein Zittern durchlief ihren Körper. Sie war glücklich, daß der arme Graf neben ihr noch schlief und sie ihm nicht in die Augen schauen mußte, erhob sich rasch aus dem Bette und entkam in ihre Kammer. Dort warf sie sich vor ihrem ärmlichen Lager auf die Kniee, versteckte ihr Gesicht in den Kissen und verharrte so in grenzenloser Verwirrung, in die doch wie aus weiter Ferne ein feines Silberglöcklein des Glückes herüberläutete, und im Gefühle der glühendsten Scham, aber ohne die unwahre Ziererei der Reue, da sie dem Ritter in aufrichtigem Mitleid und inniger Liebe sich hingegeben hatte. Dann aber erhob sie sich und betete, daß die heilige Mutter Gottes ihr Opfer gnädig annehmen und zugunsten des Ritters verwenden möge, damit er endlich von seinem schweren Siechtum und seiner Melancholie erlöst werde.