Der Ritter war indessen mit dem Gefühle süßer Ermattung aufgewacht und dämmerte in seinem Bette vor sich hin. Er dachte auch nicht mit einem Gedanken an das Opfer der Jungfrau, sondern gab sich einem großen Stolze hin, daß er sein Stücklein so gut durchgeführt hatte, und träumte schon wieder von Abenteuern und Liebesunternehmungen, als ob die vergangenen Jahre nur ein böser Schabernack gewesen wären und alle Damen noch dasäßen und warteten, daß der schöne Heinrich sich ihrer Liebesnot erbarme. Dann aber, da der Hunger sich meldete, rief er nach seiner Pflegerin, die denn auch mit niedergeschlagenen Augen kam, um ihm seinen Morgenimbiß zu bringen.

Und wenn der Ritter nur ein wenig klug gewesen wäre, so hätte er vor Glückseligkeit bei ihrem Anblicke aufjauchzen müssen. Denn als sie nun mit gebeugtem Nacken an sein Lager trat und kaum den Morgengruß über die bebenden Lippen brachte, da flackerte das feinste Rot in ihren Wangen und sie war so unsäglich schön in ihrer Scham und Verwirrung, daß die Sonnenstrahlen vor Bewunderung ganz trunken ihre Gestalt umschmeichelten und ihr Blondhaar wie eitel Gold aufleuchtete. Der traurige Heinrich aber war durch sein jahrelanges Martyrium so verderbt und verstockt geworden, daß er ein großes Jammern anhob und ein über das andere Mal ausrief, daß diese Nacht seinen Pilgerzug und seine Heilung zunichte gemacht habe, da er ja mit einer reinen Jungfrau hätte nach Rom kommen sollen. Nun müsse er ewig krank und elend bleiben; das habe der verfluchte Medikus so fein eingefädelt und der Teufel habe ihm dabei geholfen.

Und er war in diesem Augenblicke, da er sich ja heil und durchaus gesund fühlte, wirklich schlecht und empörend in seiner Selbstsucht und Lust, andere zu quälen; und das erreichte er auch. Denn durch diese Reden ward die arme Clarissa aufs tiefste erschüttert und verlor völlig ihre Besinnung. In ihrer Scham und Glückseligkeit hatte sie den ganzen Morgen über vor sich hingeträumt, so daß es ihr jetzt schwer auf das Herz fiel, wie sie nun nicht mehr fähig sei mit dem Grafen vor den Papst zu treten. Sie fiel ihm zu Füßen, keines Wortes mächtig, und weinte, daß ihr Körper durch das Schluchzen erschüttert ward. Der traurige Ritter aber blieb verstockt und hart und legte nicht einmal die Hand auf das Haupt der Armen, bis sie sich endlich erhob und ganz verstört und unglücklich aus dem Zimmer davonwankte.

VIII.

Es war ihr nicht klar, warum es sie in ihre Kammer zog. Dort beugte sie sich unter ihr Bett und zog das Tüchlein hervor, in dem die Scherben ihres zerschlagenen Glückes lagen. Dann ging sie die Treppen hinunter und der einsamen Kapelle zu, die sie von ihrem Fenster am Waldesrande gesehen hatte. Es war das erste Mal seit ihrer Flucht, daß sie vor dem Altar kniete und heiß und aus tiefster Seele zur Mutter Gottes in ihrem Hause betete. Es war in dieser Kapelle eine hölzerne Mutter Gottes, mit seltsamer Krone und allerhand Flitter geschmückt, die aus einem kindlich geschnitzten Angesicht freundlich in die Welt schaute und die Rechte tröstend und mild erhoben hielt. Clarissa lag nun weinend und betend zu ihren Füßen und erzählte ihr ihr Leid und wie sie nun des Ritters Heilung verwirkt hätte.

»Du innigst verehrte, gebenedeite Himmelsfrau, du herrliche, reine Magd und Mutter, neige dich meinen Schmerzen,« flehte sie mit hoch erhobenen Händen zu der stummen Heiligen empor, »und heile den armen Grafen, nimm mich statt seiner zum Opfer, denn er ist gut und krank, indes ich armselig und unwürdig bin. Ich habe gar nichts, was dich erfreuen könnte, du reine Himmelsmagd, als diese Scherben eines Spiegleins, die ich dir weihe, denn sie haben mich unsäglich glücklich gemacht.«

Dabei legte sie ihr Tüchlein mit den Scherben der Mutter Gottes zu Füßen. Sie schluchzte aus tiefstem Herzen auf, und heiße Tränen rollten aus ihren verzweifelten Augen, da sie nun den Blick senkte und rot vor Scham und fassungslos der Jungfrau Maria ihr Vergehen berichtete. Sie verhüllte ihr Haupt und traute sich nicht, zur liebreich lächelnden Gnadenmutter emporzuschauen. Dann aber erhob sie sich, und von den Tränen erschüttert, endete sie ihr Gebet: »Nimm mich zu dir und reinige mich, denn ich sterbe gern, da ich mich vergangen habe, ich stürbe so gern, wenn nur mein Ritter, mein armer, kranker Ritter leben bliebe!«

»Liebe! Liebe! Liebe!« sagte der Widerhall im Kirchlein oder die Mutter Gottes. Denn sie lächelte mild und hielt ihre feine Rechte tröstend und sanft der zerknirschten Beterin entgegen. Die aber schwankte, ohne emporzuschauen, aus der Kapelle.

Als sich aber abends Clarissa, nachdem sie noch einige Stunden bei dem Ritter gewesen, in ihrer Kammer auf das Lager warf, da fügte es die trostreiche Mutter Gottes, daß die Arme in einen tiefen Schlaf verfiel, in welchem sie Ruhe und Frieden fand. Und die gütige Madonna selbst saß bei dem Kopfende ihres Bettes und freute sich herzlich der reuigen Sünderin und hatte das Tüchlein mit den Spiegelscherben mitgebracht, vielleicht weil sie den Bösen unterwegs zu treffen gehofft hatte. Die gute Clarissa aber schlief fest und hörte nicht einmal, als der Ritter wieder in seiner unwirschen Weise um sie schickte und durch das Haus schrie. Da erhob sich die Jungfrau Maria und nahm ganz die Gestalt der schlummernden Clarissa an, legte ihren Mantel um die Schultern und ging mit dem Päcklein, darin die Scherben lagen, aus dem Gemache den Ritter aufzusuchen.

Als sie nun etwas langsamer als die eigentliche Clarissa in sein Zimmer eintrat, donnerte er ihr schon seine häßlichen Flüche entgegen, daß sie sich schon gar nicht mehr um ihn kümmere und gar kein Mitleid mit seinem Leide habe, und setzte einige abscheuliche Lästerworte hinzu, da ihn schon wieder die Leidenschaft erfaßt hatte. Da stellte sich die Madonna vor ihn hin und, nachdem sie ihn lange und ruhig mit ihren tiefen Augen angesehen hatte, sprach sie zu dem erstaunten Ritter also: