»Du eigennütziger und häßlicher Schelm, der du mich in der selbstsüchtigsten und abscheulichsten Weise gekränkt und beleidigt hast, bist du wirklich also verstockt und böse, daß dir die Scham nicht die Stimme verschlägt, so mit mir zu sprechen? Ich zog mit dir aus, ich stützte und pflegte dich und war dir zu Willen, weil du mich dauertest, nicht deiner eingebildeten Krankheit wegen, du Eigennutz, sondern um meiner Liebe willen, die ich dir nicht verhehlen kann. Und nun willst du mich von dir jagen, anstatt mir die Füße zu küssen und um meine Gnade zu bitten. Den Saum meines Gewandes solltest du fassen und winseln, daß ich dir beistehe in deiner unmännlichen und verachtenswerten Selbstsucht, du Abscheulicher!«
Der Ritter hatte sich in seinem Bett aufgesetzt und schaute, sprachlos über diese Kühnheit, die Jungfrau Maria an, da er Clarissa bisher nur untertänig und willenlos gesehen hatte. Er rang nach Atem, so wütend war er, als er sie so dreist sprechen hörte. Dann aber lachte er böse auf und wollte aus dem Bette, die Kühne zu züchtigen. Die aber hatte ihr Tüchlein geöffnet, darin die Scherben lagen, und, indem sie das Laken, das den Ritter bedeckte, aufhob, schüttete sie die hundert Scherben auf sein Lager, daß sie wie spitze Dornen rings um seinen Körper verstreut waren und er wie in einer Dornenhecke lag, daß ihn jegliche Bewegung verletzen mußte, so daß er jetzt ein wirklicher Märtyrer war. Er hatte sich aber viel zu lieb, als daß er sich etwa gestochen hätte und rührte sich nicht, sondern schaute ganz verwirrt und hilflos auf die stolze Maid, die ihn gebändigt hatte.
So gern nun diese auch gelacht hätte, da der verdutzte melancholische Heinrich in seiner Angst zwischen den Stacheln einen wahrhaft kläglichen Eindruck machte, so beherrschte sie sich doch und blieb ernst und streng und sprach auf den Ritter in ihrer hoheitsvollen und gebietenden Weise ein, und er war gezwungen, ihr zuzuhören, da sie sich über sein Lager gebeugt hatte und ihn sogleich recht unsanft aufrüttelte, falls er ihren Ermahnungen durch Einschlafen sich entziehen wollte. Es war für diesen selbstherrischen und gewalttätigen Mann, der durch Jahre hindurch seine Umgebung gepeinigt und ganz vergessen hatte, daß die anderen vielleicht auch einen Willen hätten, die lehrreichste Strafe, nunmehr in einem Dornenbette von einer Maid bezwungen dazuliegen, ohne sich rühren zu dürfen, und ihren salbungsreichen Worten, die nun sein ganzes Leben vor ihm aufrollten, zuhören zu müssen. Der Trotz aus seinen Augen wich allmählich der Verwunderung, dann einem ängstlichen Staunen und wirklicher Furcht, da ihm die gezwungene Lage höchst unangenehm wurde und die schöne Predigerin ihm auch nicht einen Augenblick der Unaufmerksamkeit vergönnte, sondern ihn gleich rüttelte, wenn er ihr unachtsam schien.
So wurde diese Rede die eindringlichste und längste Predigt, die je gehalten wurde, und als der Morgen graute, war der Ritter so windelweich geworden in seinem verhärteten und verstockten Gemüt, daß ihm zum ersten Male aufrichtige Tränen in die Augen traten und ihm jämmerlich und ganz elend zumute war. Da war die Jungfrau aber erst in ihrer Rede bei dem Augenblicke angelangt, da Clarissa in das Leben des traurigen Heinrich eingetreten war. Und sie füllte die Morgenstunde mit der Aufzählung aller Schandtaten, die er ihr auf der Pilgerfahrt angetan hatte, wobei der Ritter nur leise mit dem Kopfe nickte und seufzte, da er nunmehr schon selbst einsah, wie verliebt er in dieses herrliche Wesen sei, das ihn hatte gen Rom geleiten wollen. Er weinte recht aus tiefstem Herzen, da ihn jetzt jedes rauhe Wort und jede unwirsche Bewegung, durch die er die gute Clarissa verletzt hatte, selbst schmerzte und peinigte und er nur den einen Wunsch hegte, alles wieder gut zu machen, was er verbrochen hatte.
So kam denn die predigende Jungfrau zu dem Augenblicke, da der böse Heinrich Clarissa zu sich ins Bett gezogen hatte: aber nun vergaß er ganz der Stacheln und Dornen, die ihn umgaben und richtete sich im Bette auf und flehte inbrünstig um Vergebung, und sie solle um Himmels willen ihm nicht auch noch diese Schandtat noch einmal erzählen, er liebe sie ja, wie er noch nie im Leben geliebt, mit einer so heißen Verehrung und achtungsvollen Liebe, daß er sich selbst eines so reinen und heiligen Gefühles nie für fähig gehalten hätte. Er schluchzte und verbarg sein Gesicht in den Händen, so schämte er sich, und zwischen echten Tränen rief er immer wieder: »Wenn ich nur wüßte, wie ich deine Verzeihung erlange! Ich liebe, ich liebe dich ja so heiß und innig!«
Diesen Augenblick aber benützte die heilige Jungfrau, um aus dem Zimmer zu verschwinden, und dies um so mehr, als sie schon vor der Tür die Schritte der wahren Clarissa hörte, die denn auch im selben Augenblicke, da die Madonna ihr Platz gemacht hatte, an das Lager des Geheilten trat. So hörte denn die verwunderte, glückliche Clarissa seine reinen und wahrhaften Liebesbeteuerungen mit jubelndem Herzen an, in der schönsten Verwirrung des Gemütes, das sich vor Glückseligkeit gar nicht zu fassen wußte. Sie legte ihre Hand sanft auf das Haupt des Ritters, der sie erfaßte und mit glühenden und innigen Küssen bedeckte und mit seinen Tränen netzte. »Ich habe dir dein Spieglein zerbrochen,« sagte er da und seine Lippen wurden weich und sanft, so daß die Worte aus seinem Munde liebreich und hold zitterten, »aber was brauchst du jetzt auch einen Spiegel, da du dich nur immerfort in meinen Augen anschauen sollst; du wirst dich darin erschauen, du Liebe und Holde, und wirst noch durch meine reine und echte Liebe verschönt sein!«
Da sah sie schon lachend in seine Augen, sie erschaute sich darin und erschaute sich doch nicht, so erfüllt waren die Augen von Liebe.
Und auf einmal war es den beiden, als ob ein wundervoller Duft das Zimmer erfülle, und da der Ritter sein Bettuch verschob, so waren die Splitter verschwunden und er lag mitten auf einem dornenlosen Rosenlager zwischen weißen und roten duftenden Rosen; also, daß nie ein Brautpaar ein schöneres und lieblicheres Brautbett gehabt hat.
Sie umarmten und küßten sich lange und mit dankbaren und glücklichen Lippen und noch am selben Tage machten sie sich auf, – nachdem sie sich in der Kapelle der gnadenreichen Madonna für ewige Zeiten vereinigt hatten, – um nach Schwarzenburg heimzuwandern.
»Denn,« flüsterte er ihr ins Ohr, »nach Rom zu pilgern ......« worauf sie glutrot wurde und ihr Gesicht an seiner Brust verbarg.