„O bitte, gnädiger Herr,“ unterbrach sie erröthend, „das würde sich nicht schicken; muß unser Einer nicht auch auf Ehre und Reputation halten?“

Indem glättete sie die weiße, reich mit Stickereien besetzte Schürze, zog den Brustlatz gerade und lächelte so stillvergnügt in sich hinein, als hätte sie einen Haupttreffer gemacht.

„Wie alt sind Sie eigentlich, meine liebe Frau Lorenz?“ fragte Buchler, nachdem er sich reichlich bedient. Die Angeredete wurde über und über roth. „Achtundzwanzig!“ sagte sie, verschämt die Augen niederschlagend. Buchler lachte hell auf. „Achtundzwanzig? Da haben Sie sich ja prächtig conservirt! Ich hätte Sie höchstens für zweiundzwanzig gehalten!“

Das war denn doch zu stark! Ungläubig schaute ihn die Achtundzwanzigjährige, die bei sich selbst recht gut wußte, daß sie nahezu vierzig Lenze hinter sich habe, an, doch Buchler hatte sein Gesicht in so ernste Falten gelegt, daß sie in der That glaubte, sie habe sich mittelst der in letzter Zeit angewandten Schönheitsmittel derart verjüngt, daß man sie noch zu den Jugendlichen zählen könne. Diese Annahme steigerte ihre gute Laune; Buchler schien sich prächtig zu amüsiren, indem er mit Kennerblick beobachtete, wie sein keineswegs feines Compliment die Lebensgeister der alten leichtgläubigen Coquette erregte.

„Haben Sie mir, meine liebe Lorenz, gute Anschaffungen in Speis und Keller gemacht?“ fragte er nach einigem Nachdenken. „Wir werden da nächstens ein Verlobungsfest zu feiern haben, zu dem es —“

„Ein Verlobungsfest?“ unterbrach ihn die Lorenz, an allen Gliedern bebend.

„Ja, ein Verlobungsfest, meine Liebe, und Sie sind die Erste, die in das große Geheimniß, das Sie aber gehörig respectiren müssen, eingeweiht ist. Niemand im Hause darf eine Ahnung davon haben; ich beabsichtige eine große Ueberraschung und hoffe, daß, wenn schon gewisse Leute sehr verwundert sein werden, doch Alles nach Wunsch gehen und zwei Menschen dauernd —“

„O, Sie sind so gut, wie sie klug sind!“ unterbrach ihn Frau Lorenz, seine Hände ergreifend. „Ja, es ist besser, Alles bis dahin discret zu halten, sich nicht zu verrathen! Ich verstehe Sie vollkommen und theile Ihre Ansicht.“ Dabei schaute sie ihn mit ihren ehemals gewiß schönen, funkelnden Augen so überselig an, daß Buchler, dem dann doch ein klein wenig um seine Herzensruhe bangte, es für das Beste hielt, schnell aufzustehen und sich zu entfernen. —

„Wie rücksichtsvoll und edel er ist!“ sagte Frau Lorenz überglücklich, indem Freudenthränen über ihre Wangen flossen. „Er fühlt sich nicht standhaft genug, mit mir allein zu bleiben, und entfernt sich lieber, um mich nicht zu compromittiren!“

Mit der noch eben schneeweißen Schürze trocknete sie die rothgeschminkten Wangen und, das Unheil bemerkend, das ihre Thränendrüsen angerichtet, eilte auch sie schnell in ihr Gemach, um durch Schmink- und Puderbüchsen ihrem, wie sie meinte, bezaubernden Gesichte seinen früheren Glanz zurückzugeben.