Es war an einem jener eisig kalten, sternenhellen Winterabende, als ein ärmlich gekleidetes, ungefähr sechsjähriges Mädchen zitternd und frierend an einem Eckhause der Königsstraße in Berlin lehnte und, ach wie oft vergeblich, seine kleinen Schäfchen den Passanten zum Kauf anbot.
„Kaufen Sie, lieber Herr,“ bat sie, „die Mutter ist krank und hat heute noch nichts gegessen!“
Niemand schien ihre Worte zu beachten.
War es ja heute Heiliger Abend; Jeder hatte mit sich selbst, seinen Einkäufen und Geschenken so viel zu thun, wie sollte man da auf die ärmliche Kleine Acht haben können!
Bald kam auch ein Schutzmann, der sie zum Weitergehen antrieb, da er sie sonst arretiren müsse. Unter Thränen nahm das Kind die schön aufgebauten Schäfchen in einen Korb und wanderte weiter, die Kurfürstenbrücke entlang; — sie sah sich um, ob ihr der Polizist folge; Gottlob, nein; er hatte Kehrt gemacht; noch einmal wagte sie es, an einer Stufe der Brücke Halt machend, ihre Schäfchen auszupacken und sie den Vorübergehenden anzubieten; zwei Silbergroschen hatte sie eingenommen und doch war sie schon seit 2 Uhr vom Hause fort. „Wenn ich sie alle verkauft hätte,“ seufzte sie, „könnte ich der Mutter einen Christstollen kaufen! Ach, wie würde sie sich freuen!“ Und in der Vorstellung dieser Freude begann sie wieder mit neuem Muthe, wenngleich mit halbheiserer Stimme:
„Kauft Schäfchen! Kauft Schäfchen!“ — Sie hielt die erstarrten Hände an den Mund, um sie mit ihrem Hauch zu erwärmen; sie trappelte mit den kleinen Beinchen, als wollte sie den Boden zerstampfen — bald ward es ihr unmöglich, ihren zarten, dürftig bekleideten Körper gegen die rauhe Winterluft zu schützen; da kam auch noch ein eisiger Nordwind, der ihre kleine Heerde, die sie so zierlich auf einem Brettchen postirt hatte, vor sich her fegte. Laut weinend sank sie zusammen und rief mit gefalteten Händen: „O Gott, nun sind wir ganz arm!“
„Beruhige Dich, Kleine!“ hörte sie in ihrem Herzeleid die volltönende Stimme eines Mannes, der eifrig bemüht war, ihr einige der hier und dort zerstreut auf dem Pflaster liegenden Schäfchen einzusammeln; „wie viele hattest Du denn?“
„Zwölf Stück, Herr!“ rief die Kleine unter Schluchzen.
„Und was kostet ein solches Stück?“
„Drei Pfennige!“ entgegnete das Kind, ihre thränenumflorten Augen zu dem Manne aufschlagend, der so freundlich mit ihr sprach.