Wohl hätte sich Susi als verständiges, vorurtheilsloses Mädchen sagen können, wie pikante Sensationsnachrichten fabricirt werden, doch — sie war zu erregt, um klar urtheilen zu können; sie glaubte, was sie las und Niemand in ihrer Umgebung war offen genug, sie darauf aufmerksam machen zu wollen, daß, wenn schon die Lebensrettung eines verunglückten Mädchens ganz dem selbstlosen Opfermuth Berthold’s entsprach, jene Ausschmückung nur ein erdachtes Beiwerk sei, damit — sich die Notiz gut lese! Armes, geknicktes Mädchenherz! Noch blutet die offene Wunde — Du darfst nicht einmal dem lindernden Balsam, den die Zeit sonst zu bieten pflegt, vertrauen — schon reichst Du die Hand dem drängenden, reichen Freier, die Hand ohne das Herz! Wohl hast Du es ihm gesagt, doch ahntest Du nicht, was es heißt, einem ungeliebten Manne angehören! — Er hat ein Recht auf Deine Treue, Dein Vertrauen. Kannst Du Dich hingeben, treu und vertrauungsvoll demjenigen, für den keine Ader in Deinem Herzen schlägt? Kann der Verstand Dein Gemüth so leiten, daß es ihm willenlos folgt? —
Eine Ehe mit echtem Einklang der Herzen gleicht dem Sphärengesang, der sich über Wolken und aller Erden Himmel emporschwingt zu Gott, in den der Engel Chöre begeistert einstimmen — eine Ehe ohne Uebereinstimmung der Seelen bleibt ein einziger Mißton, der bald schriller, bald tiefer vibrirend, keine Harmonie entstehen läßt und sich endlich in unheimlichen Dissonanzen auflösen muß. —
Jacob Stern erhielt am folgenden Morgen ein Billet, in dem ihm Cahen andeutete, daß er seinen Besuch Mittag erwarte, und es ihm zur hohen Freude gereiche, ihm die Zusage Susi’s versprechen zu können.
Punkt 12 Uhr fuhr Stern in seiner Equipage vor. Er sah überglücklich aus, umarmte den alten Mann, der ihm auf dem Corridor entgegen kam, und zeigte ihm eiligst einen Brillantenring, den er soeben für Susi gekauft.
„Ist unter Brüdern 2000 Gulden werth!“ sagte er mit stolzem Selbstbewußtsein.
Frau Cahen empfing ihn herzlichst, Susi jedoch ließ auf sich warten.
„Haben Sie im gestrigen Blatte gelesen, daß Lucie Eden verunglückt ist?“ fragte er, eine peinliche Pause unterbrechend. Ohne die Antwort abzuwarten, fügte er hinzu: „Ich wußte es schon Tags zuvor; mein Freund, der Journalist S., der augenblicklich in Ostende weilt, telegraphirte es mir.“
„Er hat vermuthlich auch jene Nachricht der hiesigen Zeitung gesandt?“ fragte Cahen mit mißtrauischem Blick.
Doch eben trat Susi, bleich und fast zitternd, herein und schnitt damit jede Antwort ab.
Stern ging ihr entgegen; sie legte ihre Hand in die seinige; eine peinliche Pause, in der Niemand das rechte Wort fand. Stern sprach von Theater, Concerten, vom letzten Wettrennen — Susi antwortete zerstreut. Die Eltern gingen hinaus und nun endlich faßte sich Stern ein Herz, seinen Antrag zu machen. Die Mutter horchte lange an der Thür; sie vernahm nichts Zusammenhängendes; wohl hörte sie, wie Susi eindringlich sprach, sie hörte auch Stern’s Entgegnungen, man dürfe das Leben nicht zu ernst nehmen, man müsse sich glücklich im Besitze schätzen und dergleichen. Da endlich öffnete sich die Thür und Susi, bleicher als zuvor, kam ihnen auf Stern’s Arm gestützt entgegen. — Der herrliche Brillant funkelte schon an ihrem Finger, doch auch eine Thräne, glänzender als dieser, in ihrem Auge. Schnell trocknete sie sie ab, als der Vater segnend seine Hände über sie ausbreitete: „Gebe Euch Gott seinen Segen!“ sagte er in hebräischer Sprache. Die Mutter drückte die Tochter an ihr Herz und flüsterte unter Thränen: Tausend Dank, meine gute Tochter. Da erhellten sich Susi’s verschleierte Blicke; sie wußte, wem sie das Opfer gebracht; jetzt schien es ihr weniger groß; mit aufrichtiger Herzlichkeit wandte sie sich an ihren Verlobten: „Ja, ich will mich bemühen, Dir zu vergelten, was Du den Eltern gethan.“