Der alte Mann küßte seine Tochter auf die Stirn. „Möge Gott, der Allgütige, Dein Herz zum Guten lenken, mein Kind!“ sagte er der sich abwendenden Tochter.
„Zwei Tage sollen die Entscheidung meines Lebens geben!“ seufzte diese, in ihrem Zimmer angelangt. „O Gott!“
Erschöpft von innerer Aufregung, warf sie sich auf’s Sopha. Sie suchte nach einem Gegenstande, ihre Gedanken abzulenken, zu beruhigen. Der eben eintretende Diener legte die Morgenzeitung auf den Tisch. Mechanisch griff sie darnach. Sie überflog mehrere Seiten. „Ostende!“ rief sie endlich erregt. Sie sprang auf und zitterte heftig. Erschöpft sank sie in den nebenstehenden Sessel.
„Ja, nun glaub’ ich Alles!“ rief sie in wildem Schmerzensschrei. Ohnmächtig, einer Leiche gleich, lag sie da.
Die Mutter war herbeigeeilt, man brachte Riechfläschchen, versuchte Einreibungen, endlich schlug Susi die Augen auf. Starr blickte sie um sich, als suche sie Jemand.
„Es ist überwunden!“ sagte sie endlich. „Vater, es bedarf der zwei Tage nicht! Ich habe mich entschlossen!“
„Einen solchen Entschluß kann ich nicht —“
„O, Vater, keine Bedenken!“ sagte Susi, deren Kräfte jetzt zurückkehrten; „es ist in diesem Augenblicke mein freier, selbstgefaßter Entschluß.“
Wieder fiel ihr Auge, während sie sprach, auf das Zeitungsblatt; der Vater folgte diesem Blick; eine Ahnung dämmerte in ihm auf. Schnell überflog er es: Ostende. Er las halblaut. In unserer Badegesellschaft machte die Heldenthat eines jungen Rechtsanwalts aus S. viel von sich reden. Mit eigener Lebensgefahr hat er gestern eine wegen ihrer Schönheit und Eleganz viel Aufsehen erregende junge Dame, Frl. E., zu der er schon längere Zeit in intimster Beziehung stehen soll, dem sichern Tode entrissen. Frl. E. wagte sich zu weit vor, wurde von einer Welle gehoben und weiter geschleudert und wäre unrettbar verloren gewesen, wenn nicht Dr. C., der am Strande promenirte (wahrscheinlich den Bewegungen der Angebeteten folgend), augenblicklich in die Fluthen gesprungen wäre. Schon glaubte man Beide verloren, da — o Wundermacht der Liebe — taucht der kühne Schwimmer, die Geliebte fest im Arm haltend, empor. Er gewinnt die nächste Cabine, wird als Lebensretter von der staunenden Zuschauermenge enthusiastisch begrüßt, von der Mutter des jungen Mädchens herzlich umarmt und geküßt; auch Frl. E. schlägt bald die Augen auf, sie reicht ihm beide Hände — eine Scene stummen Glückes, die jeder Beschreibung spottet.
Cahen legte das Blatt nieder; eine ziemlich lange Pause. Er verstand den Entschluß der Tochter und wußte jetzt, daß er ein freiwilliger war, den er um so unbedingter annehmen durfte.