Sie hatte einen einstündigen Marsch gemacht, als sie wieder am Elternhause anlangte. Die Susi, die jetzt das stattliche mit einem Garten umgebene Haus betrat, war nicht mehr das stolze, für alles Edle und Hohe mit Begeisterung erfüllte Mädchen, in dessen Herzen eine ideale Leidenschaft geglüht; die Flamme war jäh erloschen; die demuthsvolle Tochter kehrte zurück, die sich bemühen wollte, all ihr Glück in der Erfüllung ihrer Kindespflichten zu finden.
IV.
Der Getreidehändler Cahen gehörte zu den geachtetsten Leuten der Stadt; er hatte einst ein bedeutendes Vermögen besessen, das er theilweise durch ungünstige Speculationen in den letzten Kriegsjahren, theilweise beim Krach verloren. Er hatte sein Geschäft bedeutend verkleinert und lebte hauptsächlich noch von den Revenuen eines Gutes, das ihm seit zwanzig Jahren gehörte. Jetzt waren ihm Hypotheken in der Höhe von 20.000 Gulden gekündigt; der alte Mann plagte sich mit schweren Sorgen; konnte er das Geld nicht aufbringen, so wurde das Gut subhastirt — seine Hypothek war die vierte, sie mußte, da der Preis des Bodens gesunken war, ausfallen — er war ein ruinirter Mann.
Susi sah des Vaters sorgenbeschattete Stirn und seufzte: „O, Vater, wenn ich nur Rath wüßte!“ sagte sie; „ich gäb’ mein Herzblut hin, um Euch helfen zu können!“
„Du kannst es, Susi!“ entgegnete der alte Mann, dessen matter Blick sich erhellte. „Ein gutes Wort von Dir und ich bin gerettet.“
„Ich verstehe!“ sagte Susi, hoch erröthend. „Ich hörte neulich die Unterredung, die Stern mit der Mutter gehabt! Glaubt mir, ich mache ihn und mich unglücklich!“
„Und was wirst Du haben, wenn wir in Noth und Elend sind und ich auf meine alten Tage von der Unterstützung der Menschen leben muß?“ fragte Cahen mit bitterem Vorwurfe.
„O, Vater, so weit wird es nicht kommen! Ist Stern ein edler Mann, so wird er Euch den Vorschuß bedingungslos geben! Ihr dürft Eure Tochter nicht verkaufen, und ich — ich kann nicht all mein Lebtag an einer einzigen großen Lüge —“
„Was Lüge?“ unterbrach sie der alte Mann unwillig. „Stern weiß, daß Du nicht für ihn schwärmst; die Mutter hat offen mit ihm gesprochen; er ist trotzdem bei seinem Antrag geblieben; wirst Du seine Frau, so erwartet er von Dir keine zärtliche Liebe — doch Susi — dessen sei gewiß, sie kommt von selbst — wenn Du das glückliche Bewußtsein hast: dieser edle Mann hat mich als armes Mädchen zu einer Frau von Rang und Stand gemacht, er hat meinen Eltern, die ohne ihn ruinirt wären, wieder zum Wohlstand verholfen, daß sie ihre alten Tage nicht zu vertrauern brauchen; Susi, ich kenne Dein gutes Herz! Du wirst ihm dankbar sein und wirst ihn lieben und zu ihm als unsern Erretter aus Schand und Elend aufblicken! Glaub’ mir, mein Kind. Wenn er auch keine schönen Redensarten wie Andere im Munde führt und auch nicht die Art hat, jungen Mädchen den Kopf zu verdrehen — er hat ein gut jüdisch Herz und wird seine Frau hoch und in Ehren halten, wie seinen theuersten Schatz.“
„Vater, wenn Du mir als religiöser Mann sagst, daß es denn kein Verbrechen ist, ohne Liebe in die Ehe zu treten, — dann — o lass’ mir zwei Tage Bedenkzeit — ich will als gehorsame Tochter thun, was ich — vermag.“