„Aber, daß ich dadurch die treueste, beste Freundin verliere!“ entgegnete Marie klagend.
„Meine Stelle ist in Deinem Herzen zu ersetzen, doch“ — sie vollendete nicht. „Leb wohl, Marie,“ fügte sie schnell hinzu und ging eiligen Schrittes davon.
„Sie schluchzte!“ sagte Marie; „soll ich ihr nacheilen?“ Doch schon war Susi in einen Seitenweg eingebogen, Marie sah noch, wie sie schnell einen Fiaker bestieg und davon fuhr.
„Also doch!“ rief Susi in wildestem Schmerze. „Aus ihrem Munde mußte mir die Bestätigung des Unglaublichen werden. Er mußte fort! Es ist besser so!“ Das waren ihre Worte. — „Was kann da gut, was besser sein?“ sprach sie in sich gekehrt. „Berthold Caspari kann nie ein Verständniß für Luciens Lebensansichten gewinnen, sie nie seine reich angelegte Natur, seine edle Denkweise verstehen.“ Kopfschüttelnd setzte sie hinzu: „Wie konnte er sich vom edlen Mammon blenden lassen! Er ist so bedürfnißlos für sich, verachtet alles äußere Gepränge, selbst der Comfort des Lebens ist ihm nur Last! —“
Der Wagen hielt vor der großen Eiche, einem einsamen entfernten Orte. Lucie stieg aus; sie athmete erleichtert auf. Hier war sie allein. Sie ließ sich auf eine Bank nieder und starrte dumpf vor sich hin. „Ach, wenn ich nur weinen könnte!“ rief sie endlich verzweiflungsvoll. „Welche Wohlthat liegt noch in dem herben Schmerze, am Grabe des Geliebten niederknieen, es mit Blumen schmücken, sich seinem unsterblichen Herzen vereint fühlen zu können! Aber allein, unverstanden, verschmäht zurückbleiben zu müssen, wo man so begeistert liebte, sich im Höchsten und Edelsten Eines glaubte! Ihn, in den Armen einer —“
Sie vollendete nicht. Mit wildem Aufschrei sank sie zusammen und jetzt endlich löste sich der wilde Schmerz in erleichternde Thränen. Sie dachte nichts, sie fühlte nichts — sie wußte nur, daß sie unbeschreiblich elend war. Als sie endlich aufstand, war es ihr, als habe sie eine schwere Krankheit überstanden.
Drüben leuchtete die Sonne so golden; in ihrem Herzen war es tief schwarze Nacht. Ein leiser Wind bewegte die hohe Eiche; sie stand fest, noch fiel keines ihrer Blätter zu Boden, während die umherstehenden Linden und Erlen massenhaft gelbes Laub zur Erde sandten.
„So fest wie die Eiche!“ rief es in ihr, „keine Schwäche! Wie oft hat er Dir von Standhaftigkeit im Leiden, von —,“ sie hielt inne.
„Er und wieder er!“ rief sie, sich selbst anklagend. „Bin ich denn ein so elend schwaches Weib, daß ich gar keine Herrschaft über mich habe?“ setzte sie in heftiger Selbstanklage hinzu.
Plötzlich stand sie auf. Sie schien größer, kräftiger geworden, obgleich ihrem Gesichte jede Farbe fehlte. „Ich will und muß ihn vergessen,“ sagte sie energisch. Festen Schrittes ging sie heim. Wer hätte ihrem noch eben so geknickten Gemüthe diese plötzlich durchbrechende Energie zugetraut! — Ich will! Dieses mächtige Zauberwort gab ihr Kraft, sich, ihr Glück und ihre Zukunftsträume zu vergessen.