Die Commissionsräthin Blum, Stern’s Schwester, hatte für den folgenden Abend ein Soupée veranstaltet und zu demselben auch die Cahen’sche Familie geladen. Obgleich Susi bat und flehte, zu Hause bleiben zu dürfen, bestand doch die Mutter darauf, man müsse der Einladung Folge leisten; der Vater wünsche es, da ihm der geschäftliche Einfluß Blum’s gerade jetzt von großem Nutzen sei. — Susi erschien im einfach weißen Cachemirkleide, doch wandten sich bald Aller Blicke ihr zu, da sie, von Banquier Stern geführt, in den Saal trat. Ihre auffallende Blässe wich einer flammenden Röthe, als er ihr beim Eintritte den Arm reichte; wohl bemerkte er diesen Wechsel, doch hielt er ihn für ein günstiges Zeichen. So sehr sich Susi bemühte, in den Kreis der Damen zu gelangen, wich doch ihr Begleiter nicht von ihrer Seite. Bald hatte er sie in eine Unterhaltung mit Eden verwickelt, ihn geschickt auf Dr. Caspari zu sprechen gebracht. Eden wagte sogar heute noch hinzuzusetzen, daß seine Frau ihm geschrieben, es errege Aufsehen, daß Dr. Caspari so viel in Gesellschaft ihrer Lucie sei, doch hoffe sie, die Tochter werde genug Tact haben, um unangenehme Freier abzuweisen.

Susi glaubte, der Boden unter ihren Füßen beginne zu wanken, doch faßte sie sich; als aber Eden gar hinzusetzte, man habe ihm Dr. Caspari schon vor einigen Wochen, als Lucie noch hier weilte, für seine Tochter angetragen, es sei ihm nur zu viel, die schwere klingende Mitgift von 50.000 Gulden einem unerfahrenen Advocaten zu geben — Caspari sei sicher nachgereist, um dort die Angelegenheit zu betreiben, da schien eine Saite in ihrem Herzen zu springen, die ohnehin scharf genug gespannt war. Sie biß sich auf die Lippen, daß sie bluteten, und ging unter dem Vorwande heftiges Nasenbluten zu haben, in’s Nebenzimmer. Erschöpft sank sie hier auf ein Canapé. Ihr Gefühl war zu stark erregt, als daß der Verstand unbefangen hätte urtheilen können. Sie kannte Lucie Eden, jene eingebildete, oberflächliche Erscheinung; ihretwegen — sollte Berthold eine Reise unternommen haben! Sie konnte es nicht glauben! Und doch! fragte sie sich. Warum war die Reise so geheim gehalten worden? Sie hatte Marie Caspari bis zu jenem Tage stets gesehen; warum hatte ihr diese keine Mittheilung gemacht? Susi’s klares Denken verwirrte sich, ihr Kopf brannte; wohl wiederholte sie sich trotz aller Erregung, daß Lucie keine Frau nach Berthold’s Wahl sein könne; wie hatte er selbst stets das eitle Haschen nach Mode-Effecten, wie es in Lucie verkörpert war, getadelt, doch sie hielt sich wieder so und so viele Beispiele vor, in denen Männer von ähnlicher Bedeutung und geistigem Werthe hoffärtige Puppen zu Frauen genommen, die sie weder verstehen, noch für irgend welches Ideal begeistern konnten.

„Es ist der Lauf der Welt!“ sagte sie endlich mit tiefem Seufzer, aber kopfschüttelnd setzte sie hinzu: „Daß auch er“ —

Die Thüre wurde leise geöffnet. Jacob Stern kam, um sich zu erkundigen, ob das Nasenbluten gestillt sei. Susi bejahte, doch gab sie vor, einen so heftigen Kopfschmerz zu haben, daß sie nach Hause fahren müsse. Er reichte ihr ein Riechflacon, erlaubte sich sogar, ihre Stirn mit dem Inhalt zu befeuchten, doch, wie von der Tarantel gestochen, schnellte Susi hoch, als diese Hand sie berührte. Stern ging die Mutter zu rufen, ließ seine Equipage anspannen und begleitete selbst die Damen heim. Wohl hörte Susi, wie die Mutter ihn beim Aussteigen bat, seinen Besuch bald zu wiederholen — ihr war jetzt Alles gleich — sie fühlte eine Leere in ihrem Herzen, als ob weder Schmerz, noch Freude je da gewohnt hätten.

Nach einer schlaflos durchwachten Nacht stand sie früh auf, um einen Morgenspaziergang zu machen. Unwillkürlich lenkte sie ihre Schritte nach jenem Park, in dem sie so oft an seiner Seite gewandelt. Marie hatte dort allmorgentlich Molken getrunken, der Bruder sie fast stets begleitet, und auch Susi war, so oft es ihre Zeit gestattete, von der Gesellschaft gewesen. Mit stillem Seufzer gedachte sie jener schönen Morgenspaziergänge voll Poesie und Waldesduft! O, wie hatte sie sonst ihre Schritte beeilt, wenn sie der beiden Geschwister ansichtig wurde! Heute schlich sie gebeugt und matt dahin. Doch Halt! Kam dort nicht Marie des Weges herauf? Ja, sie war es! Ich muß sie sprechen! rief es in ihr. Sie wird mir die Wahrheit sagen! — Bald lagen die Freundinnen in stummer Umarmung Brust an Brust. „Wie konntest Du Deiner Mutter solch ein Versprechen geben?“ fragte endlich Marie. „Du weißt, was wir Alle dadurch verlieren.“

„Ihr Alle?“ fragte Susi ungläubig. „Doch sage mir,“ setzte sie eifrig hinzu, „zu welchem Zwecke ist Dein Bruder in Ostende? Man spricht hier —“

„O, laß Dich das Gerede der Leute nichts kümmern, Susi —“ unterbrach die Freundin ahnungslos; „Du weißt, die Menschen wollen immer Alles deuten und mischen sich oft mit wahrer Unverschämtheit in die geheimsten Angelegenheiten.“

Susi blieb stumm; „Also doch! Aber warum sprachet Ihr nie von dieser Reise?“ fragte sie, sich fassend.

„Der Entschluß muß Berthold sehr plötzlich gekommen sein; ich glaubte zu wissen, was den Entschluß in ihm hervorrief — doch, gute Susi —“ fügte sie theilnehmend hinzu — „laß mich Dir das Herz nicht schwer machen! Ich verstehe und billige Deine Handlungsweise und erkläre mir dadurch die seinige. Glaube mir — es ist besser so, er mußte fort!“

So klar und unzweideutig Marie sprach, so legte doch Susi jedem ihrer Worte eine andere Beziehung unter. „Es ist gut, daß unsere Wegen sich trennen!“ sagte sie schmerzhaft.