Die Erbauungsstunde der freien Gemeinde wurde am nächsten Sonntage von einem Vertreter abgehalten; Dr. Caspari hatte, so hieß es, in Angelegenheiten seines Amtes eine Reise antreten müssen. — Man vermißte ungern den feurigen, gewandten Redner, der einem inneren Drange, Gutes zu wirken, sich an der Aufklärung des Volkes zu betheiligen, folgend, in allen Bildungsvereinen des Ortes lebhaft mitwirkte. Der freien Gemeinde besonders war durch seine Thätigkeit ein lebhafterer Aufschwung gesichert. Einst hatte er in Stellvertretung des angestellten Redners einen Vortrag gehalten, der so zündete, daß er den von allen Seiten an ihn gerichteten Bitten nachgebend, sich entschloß, allwöchentlich eine wissenschaftlich religiöse Besprechung in der Gemeinde zu halten, zu der bald Juden und Christen ohne Unterschied des Standes mit lebhaftestem Interesse eilten. Berthold hatte somit, ohne es zu wollen, eine öffentliche Stellung errungen; noch gehörte er damals dem Judenthume an, doch da er die Satzungen der alten Religion öffentlich desavouirte, hielt er es für seine Pflicht, um nicht in Conflicte zu gerathen, seinen Austritt aus der jüdischen Gemeinde zu erklären.

Die allgemeine Ansicht ging dahin, Caspari habe, um Carrière zu machen, seinen Glauben aufgegeben, und als ihm bald hernach durch das Ableben seines Vorgesetzten, zu dem er jahrelang in freundschaftlicher Beziehung gestanden, dessen bedeutende Advocatur zufiel, war kaum ein Zweifel darüber, daß nur Eigennutz und Gewinnsucht die Motive gewesen, denen er nachgegeben, als er zum Christenthume übertrat. Justizrath Dorn, so sagte man sich, hätte keinem Juden seine ausgedehnte Praxis übertragen; Caspari, das war nur eine Stimme, habe dieselbe mit dem Austritt aus seiner Religion erkauft.

Die Welt ist so leicht geneigt, nach dem Scheine zu urtheilen; edlere Beweggründe, innere zwingende Nothwendigkeiten gelten vor ihrem Forum wirklich herzlich wenig; sage man nur den Leuten, es habe Jemand aus innerer Ueberzeugung diesen oder jenen Schritt gethan, wie selten wird man Glauben finden! Wie viel eher, wenn es heißt: Gewinnsucht, Brodneid, Ehrgeiz hätten ihn dazu veranlaßt!

Dr. Caspari hatte eine einträgliche Praxis und galt in den betheiligten Kreisen als gute Partie. Der Idealist legte wenig Werth auf seinen Gewinn, nur das Bewußtsein beglückte ihn, nicht wie so viele seiner Collegen eine reiche Frau erheiraten zu müssen, um sich durch deren Geld eine Unabhängigkeit zu sichern. Oft in stillen Träumereien hatte er den Tag als den schönsten seines Lebens gepriesen und herbeigesehnt, an dem er sie, die er nur ihrer selbst willen liebte, deren Geist und Seele sich ihm schon längst, das sah er an ihren leuchtenden Blicken, vermählt hatte, in seine Arme schließen und als seine verständige, geliebte Gefährtin in sein Heim einführen könne.

„Die Ideale sind zerronnen, die einst das trunkene Herz geschwellt,“ hat wohl Mancher mit dem Dichter ausgerufen, und Jeder glaubte nun mit einer allen Anderen vor ihm unbekannten Bitterkeit den Leidensbecher leeren zu müssen.

Dr. Caspari hoffte, eine Entfernung würde in seinem und namentlich auch in Susi’s Interesse geboten sein; es war unvermeidlich, sich nicht tagtäglich zu treffen, und obgleich die Beiden sich nie ausgesprochen, wußten sie doch, was sie einander waren, und daß seit mehr als zwei Jahren ihr Denken und Fühlen in innigster Beziehung stand. Es war eben jenes „Lied ohne Worte“, jenes hohe heilige Lied, das auf Engelsflügeln in die Seelen einzieht, sie magnetisch eint und weihevoll stimmt, daß sie den Geist der ewigen Liebe in sich fühlen und durch ihn geläutert und erhoben werden, das die Beiden ohne Worte vernommen und verstanden.

Im fernen Seebade, im Anblick des unendlichen Meeres, das auch wie sein wildbewegtes Herz auf- und abfluthete, ohne sich beruhigen zu können, hoffte er Vergessen zu finden.

Eine Stunde vor seiner Abreise hatte er noch an Susi geschrieben, doch er schloß den sechs Seiten langen Brief ein, ohne ihn abzusenden. Nachdem er das Schreiben noch einmal überlesen, fühlte er, daß er ihr durch dasselbe den Kampf nur erschwere. Nein, es war besser, sie handelte nach eigenem Ermessen; ihr Glück war ihm zu heilig, als daß er irgendwie in dasselbe hätte eingreifen wollen. „Vielleicht,“ sagte er sich — „findet sie Trost in dem Wahne, eine gute Tochter zu sein und ihre Kindespflichten erfüllt zu haben. Auch ich,“ setzte er gedankenvoll hinzu, „möchte es nicht auf mich nehmen, den Lebensabend der braven alten Leute getrübt zu haben, indem ich mein Glück auf den Trümmern des ihrigen gründe.“

III.

Niemandem konnte die Abreise Berthold’s gelegener sein als dem reichen Banquier Jacob Stern. Es war bei ihm zur fixen Idee geworden, er müsse die schöne Susi sein eigen nennen, gelte es Spionage, List, ja selbst Verleumdung. Mit lebhaftem Interesse horchte er auf, als ihm kurz nach Caspari’s Abreise ein Geschäftsfreund von der Börse erzählte, er habe Frau und Tochter nach Ostende begleitet und sei eigentlich unruhig, die Frauen dort allein gelassen zu haben, da Dr. Caspari, der im selben Hause mit Ihnen wohne, der Tochter zu viel Aufmerksamkeit schenke und es nicht in seinem Sinne liege, sie dort eine Liaison anknüpfen zu lassen. Stern wußte sehr wohl, wohin Banquier Eden zielte; er war zu klug, um sich in dieser Weise zur Eifersucht reizen zu lassen, zudem mißfiel ihm Fräulein Eden und gern hätte er Dr. Caspari das Glück gegönnt, von ihr begünstigt zu werden; doch die Mittheilung ließ sich verwerthen; sie sollte ihm gute Früchte tragen.