„Ihr promenirt wohl heute allein?“ sprach er, Beiden herzlich die Hand reichend.
„Geh’ nicht fort,“ bat die Mutter; „sprich Dich aus, Berthold; wir verstehen Dich!“
„Das höchste Glück und auch der tiefste Schmerz wollen allein getragen sein!“ entgegnete Berthold. Damit war er im nächsten Seitenwege verschwunden.
„Du hättest ihm den Brief nicht geben sollen!“ sagte die Mutter vorwurfsvoll.
„O, ich konnte es nicht über die Lippen bringen, daß wir sie verlieren müssen!“ entgegnete Marie.
„Berthold sagte mir oft,“ fuhr die Mutter mit tiefem Seufzer fort, „daß er erst dann mit rechter Begeisterung zur Gemeinde sprechen könne, wenn er in ihre leuchtenden Augen geblickt, aus denen ihm das reinste Feuer, das innigste Verständniß entgegenleuchte. Als sie sich neulich verspätet hatte, sah ich, wie sein Blick unstet umherschweifte, wie er gar nicht in den rechten Redefluß kommen konnte, aber plötzlich, als sie eintrat, belebten sich seine Augen und die Worte perlten nur so über seine Lippen!“
Berthold war unterdeß zu Hause angelangt; er sagte dem alten Diener, daß er ungestört sein wolle, und verschloß sich in sein Zimmer.
„Diese holde Blume jenem Einfaltspinsel opfern!“ rief er in höchster Entrüstung. „Nein, ich darf es nicht zugeben, gerade jetzt nicht, da ich weiß, was ich ihr bin; es wäre Feigheit, es wäre ein Mord an einer edlen strebenden Seele, die den Samen des reinsten Menschenthums in sich zur freudigsten Blüthe erstehen läßt. Auf dem Boden der finsteren Orthodoxie würde sie untergehen, in der Sonne der freien Wissenschaft“ — Er brach plötzlich ab und schlug sich mit geballter Hand vor die Stirn. „O, warum bin ich herausgetreten aus dem Bannkreis der angestammten Religion! Hätte ich nicht auch so meiner Ueberzeugung leben können?“ setzte er im Tone schmerzlichster Selbstanklage hinzu. „Jetzt habe ich mir selbst den Weg versperrt! Die Liebe zur Wahrheit zwingt mich, der Liebe des Herzens zu entsagen! Dem Getauften, dem Abtrünnigen wird Bernhard Cahen nie seine Tochter geben.“
Schwer sank ihm das Haupt, das er sonst so stolz empor trug, auf die Brust.
Wie lange er so dagesessen? Die Sonne war niedergegangen, das Morgenroth dämmerte schon, der unglückliche Denker saß noch immer mit halbgeschlossenen Augen an derselben Stelle. Gedanken über Gott, Zeit und Ewigkeit, Menschenglück und Menschenleid, Pflicht und Neigung, Beruf und freie Wahl waren in seinem Innern vorübergegangen, ohne den Sturm beschwichtigen zu können, der in ihm wühlte. Als er sich endlich erhob, sah er stier um sich; es war ihm, als habe er die Eruption eines feuerspeienden Berges erlebt; das Feuer seines Innern schien ausgebrannt; er suchte nach der Lava und den Schlacken, der Asche und den noch glimmenden Erdstücken — selbst diese fehlten, nur ein nagender Schmerz war ihm geblieben, der das Herz zu zersprengen drohte. —