Susi rang nach Luft, ihr war, als müsse sie ersticken.

Die Mutter, diesen Augenblick der Schwäche benützend, fuhr fort: „Ich seh’, Kind, Du hast selbst schwer an Deinem Unglücke zu tragen; ja, es wird Dir noch schwerer werden, je mehr Du Dich von Gott und seinen Geboten entfernst; deshalb versprich mir heute am Tage vor dem großen Versöhnungsfeste, daß Du ihn nicht wieder sehen willst, daß Du ein gutes Kind und die Freude Deiner alten Eltern bleibst.“

Sie öffnete ihre Arme und schluchzend warf sich die Tochter, als ob sie das Verlangte gelobe, an der Mutter Brust. „Ich will mit Ehren in’s Grab steigen,“ sagte diese, „und Gott, der Allgütige, wird auch Dir helfen, daß Du wieder rein und ohne Fehl im Herzen vor ihn hintreten kannst!“ Frau Cahen trocknete ihre Augen, küßte der Tochter Stirn und verließ bewegt das Gemach!

„O, was habe ich gelobt!“ rief Susi in heller Verzweiflung, als die Mutter die Thür geschlossen. „Sein Wort war der Sonnenstrahl, der mein armes Dasein belebte! Wie werde ich leben können, ohne ihn zu hören! O Mutter, ist das Liebe, daß Du mir durch ein willenlos gethanes Gelöbniß die einzige Freude raubst, die mir in all’ diesen Zweifeln bleibt! Wie konnte die sonst so wahrheitsliebende, gerechte Mutter,“ fuhr sie nach einer Weile schmerzlichen Sinnens fort, „gerade diesen besten, edelsten aller Männer so verurtheilen! O, welche bestrickende Macht übt doch der religiöse Fanatismus!“ Ein schwerer, dem tiefsten Herzen entstammender Seufzer begleitete diese Worte.

Je mehr Susi über sich nachdachte, desto mehr lebte sie sich in die Idee hinein, daß sie, wolle sie den Eltern folgen, ein Martyrium für ihren Glauben auf sich nehme. In diesem Wahne fand sie den Muth, ihren Gram zu bekämpfen und im Laufe des Tages mit Ruhe und innerer Fassung der Mutter in den Vorbereitungen zum morgigen Festtage an die Hand zu gehen. Sie begleitete die Eltern Abends in den Tempel und war tief innerlich bewegt, als der Vater heute auch sie, wie sonst stets die Mutter, in seine Arme schloß, indem er den Wunsch aussprach: „Mögest Du Gutes am großen Tage der Verheißung für Dich ausbitten.“ An der Erregung, mit der der alte Mann diese Worte sprach, ahnte sie, daß er Alles wisse. Er vertraute ihr und betrübte sie durch keinen Vorwurf. Dies erschütterte sie tiefer als alle Strafpredigten. Am Eingange zum Tempel, nachdem er sich von der Mutter verabschiedet, wandte er sich noch einmal zu ihr: „Susi, bete zu Gott und er wird Dir beistehen!“ sprach er, während eine Thräne ihm in’s Auge trat.

Ja, Susi betete; die heiligen Gesänge, der Vortrag des Predigers erschütterten tief das ohnehin zerknirschte Herz. Doch sonderbar! Je mehr sie sich in sich selbst versenkte, desto klarer wurde ihr, daß sie keine Sünderin sei. Sie hatte sich nicht vom göttlichen Worte entfernen, dasselbe vielmehr nur um so tiefer und wahrer erfassen wollen. Ihre Beziehung zu Berthold Caspari, dem Bruder ihrer Jugendfreundin, war keine sträfliche Neigung, sondern eine gleichem Streben und Erkennen zugewandte, begeisterungsvolle Hingabe an das Erforschen jener ewigen Wahrheiten, die zu allen Zeiten denkende Menschen interessirt haben. Gebet auf Gebet wurde hergesagt; sie beobachtete verschleierten Blickes die Gemeinde. Wie Wenige verstanden, was sie da im hebräischen Texte sprachen. Man neigte sich rechts und links, klopfte sich in die Brust, betheuerte gesündigt, gelästert, veruntreut zu haben und erflehte die Verzeihung des Ewigen. Susi schloß die Lippen gerade, als der Vorbeter zu jenem heiligsten aller Gebete ansetzte: „Oschamno, wir haben gesündigt“, betete er vor und die Gemeinde andächtig nach; nein, sie konnte sich keiner Sünde zeihen! „Oder,“ dämmerte es in ihren Gedanken, „war das Sünde, daß sie ihr heiligstes Streben und ihre begeisterungsreichsten Stunden, die sie im Austausch mit jenem denkenden Freunde verlebt, zum Opfer bringen wollte?“ Sie konnte den Gedanken nicht ausdenken; der weihevolle Gesang von jenen Hunderten von Gläubigen, die ihr Herz hier vor Gott ausschütteten, betäubte ihr Sinnen und Denken; sie fühlte sich schwach jener unsichtbaren Macht gegenüber, die sich in den Herzen der Frommen ihre Altäre errichtet und auch sie jetzt mit unsichtbarer Macht zu umgarnen schien.

II.

Dr. Berthold Caspari hatte soeben seine Bureaustunden beendigt. Er war mit einem Proceß beschäftigt, der sein ganzes Denken unausgesetzt beanspruchte. Mit wahrer Sehnsucht erwartete er die Erholungsstunde, in der er im nahen Wäldchen einen Spaziergang zu machen pflegte. Dort traf er zumeist Mutter und Schwester und auch deren Freundin Susi. Susi war heute nicht da und der Schwester Blick verschleiert. „Marie, Du scheinst betrübt,“ sagte Berthold nach herzlicher Begrüßung.

„O, ich bin es auch in tiefster Seele,“ sprach die Schwester, ein anmuthiges, junges Mädchen mit blondem Lockenköpfchen und schwärmerisch blickenden Augen. „Lies, was mir Susi schreibt!“ Damit überreichte sie ihm den Brief, den sie unlängst erhalten. Ueber Berthold’s klare Stirne zogen finstere Wolken; fast schien es, als zittere seine Hand. Da stand: „Herzensfreundin! Deine Susi ist tief unglücklich und möchte gerne zu Dir eilen und sich an Deinem treuen Herzen ausweinen; Ihr seid die einzigen Menschen, die mich verstehen, deren Umgang mich beglückte; nie werde ich die heilig schönen Stunden vergessen, in denen uns Dein Bruder von den hohen Idealen der Menschheit sprach, Stunden, in denen ich mich gehoben und beglückt fühlte, besser zu werden glaubte und die edelsten Vorsätze für die Zukunft faßte. — Du kennst den Geist des Fanatismus, der in unserem Hause herrscht; meine guten Eltern können leider nicht verstehen, daß man über religiöse Dinge denken könne und doch gut und sittlich brav bleiben. Sie fürchten meinen Uebertritt zur ‚freien Gemeinde‘ und sehen mich damit für Zeit und Ewigkeit verloren. Um mich zu retten, protegiren Sie die Bewerbungen jenes Jacob Stern, von dem ich Dir schon neulich sprach. — Meine Mutter hat mir gestern, ich möchte sagen ein Gelöbniß erpreßt — und ich weiß, Du fühlst es mir nach, theure Marie, was es mich kostete — ich muß demnach den Verkehr mit meinen theuersten, besten Freunden aufgeben. Habt Ihr Alle, Deine gute Mutter, Dein Bruder, Du, meine liebe, treue Seele, tausend Dank für das, was Ihr mir gewesen! Das Andenken an Euch wird stets in mir in begeisterter Weise fortleben und mich zu allem Guten und Edlen anregen. Lebt Alle tausendmal wohl! Die Ruhe der Meinigen ist mir heilig; ich erkaufe sie mit schweren Opfern. Susi Cahen.“

Berthold gab den Brief zurück und sprach kein Wort. Stumm ging er eine Weile voran, Mutter und Schwester wechselten einen Blick des Einverständnisses, in dem sich unsägliche Trauer aussprach. Als er sich endlich umwandte, war sein Gesicht erdfahl.