„So werde ich arbeiten, um mir eine Selbstständigkeit zu sichern, Mutter! Besser arbeiten und frei sein, als auf goldenen Polstern ruhen und Geist und Seele in Fesseln schlagen!“ entgegnete Susi mit edlem Freimuth; „doch,“ setzte sie sanfter hinzu, „meine guten Eltern sind ja noch rüstig und werden mir noch lange erhalten bleiben.“ —

„Und selbst dann, Susi,“ entgegnete die Mutter, „ist ihr erster Wunsch, Dich versorgt zu sehen. Du bist so gescheidt, wie kannst Du nicht einsehen, daß Du ein Glück ausschlägst, um das Dich alle Deine Freundinnen beneiden!“

„Gute Mutter,“ entgegnete Susi mit schwerem Seufzer, „lass’ es Dir ein für allemal gesagt sein, eine Verbindung mit Jakob Stern ist für mich kein Glück; er ist stumpf, zelotisch fromm, eingebildet, eitel; wie kann ich einen solchen Menschen achten, wie werde ich auch nur eine Stunde im Umgange mit ihm froh sein können?“

„Das findet sich, Susi, er ist gut von Herzen; er wird Dich auf Händen tragen und Du wirst wie Hunderte und Tausende Andere Deine Schwärmereien vergessen und eine brave Frau werden, die ihr Haus beglückt und nach allen Seiten Segen ausstreut.“

„Mutter, meine gute Mutter,“ rief Susi, in Thränen ausbrechend und der alten Frau um den Hals fallend; „o könntest Du mich verstehen! Du willst doch Dein Kind nur glücklich machen, wie kannst Du ihm ein so schweres Opfer zumuthen! Denke zurück, Mutter, an die Tage Deiner eigenen Jugend! Wie es Dein Stolz und Glück, Deines Herzens höchste Seligkeit war, einem frommen — angesehenen Manne Deine Zukunft zu einen, so ist es Deines armen Kindes einzigster Wunsch, nur dem Manne anzugehören, der es versteht — der mit erleuchtetem Blick und warmem Herzen an den Bestrebungen unserer großen Zeit Theil nimmt, für alles Große, Edle und Gute begeistert einsteht, der im Ringen nach den höchsten Zielen, im Erforschen der heiligsten Wahrheiten seinen Lebenszweck erkennt!“

„Arme Susi,“ entgegnete die Mutter thränenden Auges, „wo willst Du den Mann finden!“

„O, ich kenne ihn!“ rief Susi, sich selbst vergessend, „ich habe ihn heute gehört und der Ton seiner Stimme vibrirt noch jetzt in meinem Herzen!“ — Plötzlich hielt sie inne, das Gesicht mit beiden Händen bedeckend, als sie die Erstarrung sah, die sich der Mutter bemächtigt hatte; wehe, sie hatte zu viel gesagt! In einem Augenblick der Erregung war ihr ihres Herzens tiefstes Geheimniß entschlüpft. — Fassungslos stand sie der alten Frau gegenüber.

„Er, er!“ — rief die Mutter endlich in herzerschütterndem Schmerze; sie rang stumm und verzweifelnd die Hände, doch endlich schien sie in ihrem tiefen Weh Worte zu finden: „Und ihn, den Getauften, den Meschumed, den Goi, kannst Du achten? Was ist dem Manne heilig, der die Religion seiner Väter abgeschworen? Um sich dereinst vielleicht Herr Rath nennen zu lassen, hat er seinen Glauben aufgegeben! Ja, noch schlechter, jetzt sucht er mit Scheinreden, als ob man wirklich nicht mehr an den allmächtigen Gott glauben könne, Andere zu gleicher Schlechtthat zu bewegen und wenn es nach ihm geht, soll jeder fromme Jud —“

„Halt ein, Mutter,“ unterbrach Susi entschieden. „Berthold Caspari ist nicht des Titels wegen seinem Glauben untreu geworden, noch sucht er irgend Jemanden durch seine Vorträge demselben zu entfremden! Jeder denkende Mensch, ob Jud oder Christ, hört sie mit gleichem Interesse und fühlt sich gehoben und beseligt, dem feurigen Redner lauschen zu können. Nur das höchst Sittliche ist ihm heilig, nur das Streben nach Veredlung ist ihm Religion, jede gute That ein Gebet, das gleich Opfern zu Gott emporsteigt —“

„Genug,“ rief die alte Frau mit zitternder Stimme, „versündige Dich nicht an Allem, was uns heilig ist! Er ist kein Prophet und kein Gottgesandter — und was er sagt, das fühle ich, obschon ich es nicht verstehe, ist Lug und Trug und wohl angethan, arme, verblendete Menschenkinder wie Du, zu verführen! Ja, er ist schön,“ fuhr die alte Frau, zu sich sprechend, fort, „seine Augen zünden wie Feuer, das blasse Gesicht, der lange, schwarze Bart, die hohe Gestalt, all’ das vermag wohl Eindruck auf ein 18jähriges Mädchen zu machen! Doch, Susi,“ fuhr sie fast flehend fort, „Du solltest doch wissen, was Du Deinen Eltern, die im Glauben ihrer Väter ergraut sind, schuldig bist.“