Sie wurde unterbrochen; eine alte Frau, die nach Sitte der frommen Jüdinnen einen tiefen Scheitel trug, der das eigene Haupthaar verbarg, trat ein.

„Susi, mein Kind“, begann sie, „Du bringst noch Gram und Schande über Deine alten Eltern! Sprich, warum warst Du heute wieder bei dem deutschen Prediger und doch weißt Du, daß Dein Vater ein guter Jud ist und treu dem großen Gott?“

„Mutter!“ rang es sich qualvoll aus Susi’s Brust, „Mutter, fragt mich nicht. Ihr seid glücklich in dem Glauben Euerer Väter, ich möchte Euch meine Zweifel nicht mittheilen, Ihr könntet mich nicht heilen; lasset mich den Kampf mit meinem religiösen Bewußtsein allein auskämpfen; glaubt mir, ich werde nicht schlechter, wenn ich die Gedanken über Gott und Ewigkeit, die ich nicht bannen kann, klar zu erforschen suche, sie mit dem, was Andere darüber gedacht, vergleiche. — Ich will Euch eine gute Tochter sein, doch —“

„Wie kannst Du mir eine gute Tochter sein, wo Du Gott, dem Allgütigen, ein abtrünniges Kind bist!“ sprach die alte Frau unwillig.

„Das bin ich nicht, Mutter!“ entgegnete Susi flammenden Auges; „ich will Gott und allem Guten und Edlen nur um so näher kommen, indem ich die todten Buchstaben, die unsere Weisen vor Jahrtausenden niedergeschrieben, nach dem Geiste unserer Zeit deute. Sieh, wir opfern keine Schlachtopfer mehr in unseren Tempeln und doch heißt es in unseren Gebetbüchern: ‚Gott, nimm unser Opfer gnädig an!‘ Da muß ich mir klar werden, was wir denn jetzt dem höchsten Wesen zum Opfer bringen; unsere Begierden, unsere Neigungen, falls sie nicht mit den Gesetzen der Moral und Menschlichkeit im Einklang sind, unsere Wünsche, falls sie Anderer Wohl beeinträchtigen —“

„So denke ich nicht und so bete ich nicht!“ unterbrach die alte Frau abwehrend. „Ich bete, was da geschrieben steht und indem ich die Worte leise vor mich hersage, fühle ich, wie der Geist Gottes zu mir herniedersteigt und ich werde froh und neu belebt; so hat meine Mutter gebetet, ja ich sehe noch die Großmutter, Gott habe sie selig, so vor mir stehen; sie alle sind glücklich und hochbetagt gestorben und Du, mein armes Kind, machst Dich elend und krank, daß Du klüger sein willst als Alle, die nun in Frieden bei Gott dem Allmächtigen sind.“

Susi blickte starr vor sich hin; sie wollte die alte Frau, die sie ja ohnehin nicht verstehen konnte, nicht aufregen, doch wer konnte ihr mitgetheilt haben, daß sie heute zur Predigt in der freien Gemeinde gewesen?

Dunkle Zornesröthe überzog ihre Stirn. Ja, er war es, Jakob Stern, der arme reiche Mann, der noch immer in dem Wahne befangen war, er könne ein Mädchen wie Susi mit seinem Gelde erkaufen. Da, als sie um die Ecke bog, sah sie ihn in eleganter Equipage daherrollen; sie fühlte, wie sein Blick ihr folgte, bis sie das Erbauungshaus betreten, indeß ahnte sie nicht, daß er sich zum Denuncianten erniedrigen würde.

„Jakob Stern war bei Dir?“ fragte Susi, indem sie die Mutter forschend anblickte.

„Vor einer Stunde,“ entgegnete diese. „Susi, er hat seinen Antrag erneuert. Bedenke wohl, ehe Du Dich jetzt in Heftigkeit äußerst,“ fügte sie hinzu, da sie der Tochter lebhaften Einspruch voraussah, „was es heißt, eine solche Partie auszuschlagen! Dein Vater hat keine Mitgift für Dich, Du bist an Wohlleben gewöhnt; was wird aus Dir werden, wenn wir alten Leute abgerufen werden?“