„Es sieht auch traurig um Frl. E. aus. Ich glaube kaum, daß sie den heutigen Tag überlebt!“
„Der arme, junge Mann!“ entgegnete eine andere Dame, „trotz seiner Selbstaufopferung soll er nun doch auf die Geliebte verzichten müssen!“
„Ich bewundere nur, daß man sie so selten zusammen sah!“ erwiderte Dr. Berg.
„Die Sache sollte noch geheim bleiben!“ sagte die Alles wissende Frau Z., die Chronik des Bades, mit Wichtigkeit. „Ich weiß es von Frau Eden selbst, daß Dr. Caspari mehrmals um Lucie angehalten und ihr nun, da er keine entscheidende Antwort vom Papa erhalten, hierher nachgereist sei.“
So erging man sich in allerhand halb projectirten, halb für gewiß ausgegebenen Reden, während der einsame Mann da oben bald in wildem Schmerze zu vergehen schien, bald an seiner eigenen Zurechnungsfähigkeit zweifelte.
An die Abreise mochte er heute nicht denken. Die Rückkehr in die sonst so geliebte Vaterstadt war ihm verhaßt. — Er mußte ihr und auch ihm, dem sie nun für’s ganze Leben angehören sollte, täglich begegnen, da man sich in den gleichen Gesellschaftskreisen bewegte. Ja, er mußte ihr wohl noch gar gratuliren, sobald er sie sah; — war er doch wohl unter allen Menschen Derjenige, der ihr das denkbar höchste Glück wünschte.
„Nein,“ rief er, aus seinen Träumereien erwachend; „nur keine Heuchelei aus Etiquette. Ich muß sie meiden mein Lebtag, sie und Alle,“ setzte er mit schwerem Seufzer hinzu.
Nach einigen Tagen fühlte sich Dr. Caspari so weit gekräftigt, daß er die Rückreise antreten konnte. Als ein müder, gebrochener Mann kehrte er in die Heimat zurück.
Er wurde von Bekannten mit Fragen nach Lucie Eden bestürmt; jetzt erst fiel ihm ein, daß er, ohne Abschied von der Familie zu nehmen, abgereist sei. Er sagte dies offen, man brachte es mit der Trauer, die sein ganzes Wesen erfüllte, mit jener Zeitungsnachricht in Verbindung, und bald stand die Thatsache fest, Dr. Caspari sei trotz seiner heldenmüthigen Aufopferung abgewiesen worden. Man sah ihn wenig im Kreise seiner Bekannten, und wo er sich zeigte, war er schweigsam und in sich gekehrt. Bald legte man dieser auffallenden Veränderung des sonst als überaus liebenswürdig und geistreich gerühmten Mannes eine andere Version bei. Lucie Eden war nach acht Tagen in Folge einer eingetretenen Gehirnentzündung gestorben. Man drückte ihm mitleidig und theilnehmend die Hand und schien seinen Schmerz zu ehren.
Berthold war in demselben zu sehr befangen, um den stillen Beweisen von Theilnahme, die ihm wurden, die rechte Deutung zu geben. Er erfüllte seine Berufsgeschäfte mit peinlicher Gewissenhaftigkeit und war im Uebrigen für die Welt abgestorben.