So hatte er auch Susi nicht wiedergesehen; die Hochzeit sollte schon in einigen Wochen stattfinden; das junge Paar wollte den Winter in Italien zubringen. Das klang Alles ungemein beneidenswerth, doch wer zählt die Thränen, die die arme, reiche Braut in einsamen Stunden weinte! Noch mehr als des eigenen Unglücks, dem sie wissentlich entgegen ging, schmerzte es sie, zu hören, wie Dr. Caspari seit Lucie Eden’s Tode ein gebrochener Mann sei.

„Also, hat er sie wirklich geliebt?“ fragte sie sich kopfschüttelnd. — Als sie sich noch sagen durfte, daß Dr. Caspari sie, das arme Mädchen, aufgegeben, um eine Geldheirat zu machen, fand sie in dieser Gewißheit einen, wenngleich traurigen Trost.

Berthold’s Trauer, die von ihr wie von Allen mißdeutet wurde, schien ihr auch diese so liebe Gewißheit zu nehmen; Susi kam sich unsäglich elend und unglücklich vor. Die überreichen Geschenke, die glänzende Ausstattung ihrer neuen Wohnung vermochten ihr keine andere Sinnesrichtung zu geben. Schon seit Wochen arbeiteten Handwerker und Künstler in der neuen Villa, die Stern dem verschuldeten Grafen Hotz abgekauft; die Möbel waren aus Paris bestellt — nichts sollte gespart werden, um das neue Heim so elegant als möglich zu gestalten. Wohl sagte sich Susi, daß es Alles zu werden versprach, nur kein Heim für Diejenige, die sich nach Ruhe und Einfachheit sehnte.

Zwar begegnete sie ihrem Verlobten herzlich und vertrauungsvoll, doch dem Auge und Gefühl Derjenigen, die Susi’s angeborene Leutseligkeit kannten, blieb das Gezwungene ihres Benehmens nicht verborgen. Sie sah blaß und leidend aus; die Mutter meinte, der stete Gesellschaftstroubel strenge sie an, eine Einladung jage die andere; der Bräutigam mochte, obgleich Susi häufig bat, keine refüsiren; er war so stolz, seine Braut überall bewundert und gefeiert zu sehen!

Der Hochzeitstag nahte heran. Auf Susi’s ausdrücklichen Wunsch war jede Festlichkeit vermieden. Nach der Trauung waren die Familie und die nächsten Freunde zu einem Mahle versammelt, nach welchem die Neuvermählten ihre Hochzeitsreise antraten. Susi’s Eltern fürchteten die Abschiedsstunde, die junge Frau blieb auffallend ruhig; nicht eine Thräne netzte ihr Auge. Wußte sie, daß sie den Eltern ein größeres Opfer brachte, als diese ein Recht hatten, von ihr zu fordern? War dadurch Dankbarkeit und kindliche Liebe, die sie sonst ihren Eltern in so reichem Maße zollte, gelöscht?

Der junge Ehemann schien in Allem befriedigt, es dämmerte kaum in ihm die Idee, daß Susi bei ihrem ehedem leidenschaftlichen Naturell, ihrer glühenden Begeisterung für Alles, was sie mit ihrem Herzen erfaßte, in diesem Stadium eine Andere hätte sein müssen. Er kannte ja auch Susi’s Denken und Fühlen zu wenig, bemühte sich auch kaum, in dasselbe einzudringen; er war beglückt, daß sie seine Geschenke annehme, seine Plaudereien über Börsenoperationen, Course, Wettrennen, Theater etc. mit Geduld anhörte und sich neben ihm öffentlich und in Gesellschaften zeigte. Sah er alle Augen mit Bewunderung auf sie gerichtet, so war er zufrieden und meinte, er hätte keine bessere Wahl treffen können.

So sah Susi den schönsten Theil Süddeutschlands, die Schweiz und Italien.

In ihrem kühnsten Traume hätte sie kaum gewagt, sich das Glück auszumalen, in diesen Wunderhallen der Natur und Kunst je wandeln zu dürfen. Wo war heute der Schwung, die ideale Begeisterung, mit der sie sich sonst dem einfachsten Naturgenusse hingegeben?

Ja ehedem, da flossen ihr die Worte wie Perlen von den Lippen, blickte das Auge von einer Anhöhe hinunter in das blühende Thal, in schattige Gründe. Die Poesie des Herzens fand ihren Ausdruck in blühender, ergreifender Redeweise. Heute saß sie gedankenvoll, den Kopf in die Hand gestützt, und schaute hinaus in die ungleich schönere Natur des Südens, doch — Alles ließ sie kalt; sie sah, doch nichts kam ihr zum Bewußtsein; das Auge empfing all die Reize, ohne sie in den Spiegel der Seele zurückzustrahlen.

„Du hast Heimweh, Kind!“ pflegte dann ihr Gatte zu sagen, wenn er sie schwermüthig und interesselos an den herrlichsten Wunderwerken der Natur und Kunst vorüberschreiten sah.