„Du hast Dein Unrecht in einer Weise ausgeglichen,“ unterbrach Susi, ihm herzlich die Hand reichend, „die Dir meine vollkommene Hochachtung sichert. Ich bin Dein angetrautes Weib und will Dir jetzt ewig treu und dankbar sein, da Du mir die Freunde, an denen mein Leben hing, zurückgegeben. Ohne sie, das sagte ich mir oft in meiner Krankheit, wäre mir das Leben eine unsagbare Last gewesen, der ich hätte erliegen müssen.“

Dr. Caspari war noch keines Wortes mächtig. Endlich dicht vor Susi hintretend, sagte er mit bewegter Stimme: „Und Sie, Susi, in deren Herzen jedes Gefühl des meinigen ein volltönendes Echo fand, Sie konnten wirklich glauben, daß eine Geldheirath —“

„Herr Philosoph!“ unterbrach Dr. Senter, „solche Discussionen vertagen Sie gefälligst auf einige Wochen später; Frau Stern ist noch Reconvalescentin, ich fürchte, wir haben ihr schon zu viel zugemuthet.“

„Nein, guter Doctor,“ sagte Susi, ihm herzlich beide Hände entgegenstreckend, „ich wäre nie gesund und froh geworden, wenn sich nicht Alles so gefügt hätte. Eine Frau kann ihren Gatten eines Fehltrittes zeihen, doch sie kann ihm verzeihen, wenn sie weiß, daß er Edelmuth genug besitzt, denselben gut zu machen. Ich weiß,“ sagte sie, sich an Stern wendend, „es ist Dir nicht leicht worden, unserem Freunde einzugestehen, wie Du ihn —“

„Hintergangen,“ ergänzte Stern, als Susi zauderte, das Wort auszusprechen. „Ja,“ fügte er hinzu, „es war der schwerste Gang meines Lebens; ich bekannte ihm Alles und wäre gerne bereit gewesen, ihm ein Leben, das mir, da ihm die Selbstachtung fehlte, lästig war, zur Verfügung zu stellen. Ehe ich den Gang zu ihm antrat, waren meine Pistolen geladen.“

„Aber er, der beste der Menschen,“ fuhr Stern mit einer an ihm sonst ungekannten Begeisterung fort, „er reichte mir, nachdem er lange nachgedacht, gerührt die Hand. ‚Ich danke Ihnen, daß Sie mir den Glauben an die Menschheit wiedergegeben!‘ sagte er unter Thränen; wie Alles gekommen und kommen mußte, ist eine Fügung des Himmels, doch, daß Sie den schweren Kampf, sich selbst zu besiegen, durchgeführt und jetzt reumüthig Ihre Schuld eingestehen, um wieder als freier Mann aufathmen zu können, beweist mir, daß Susi sich nicht, wie Sie behaupten, einem Unwürdigen vermählt hat. Ich war ehedem der Freund, der Bruder, der Lehrer und Berather Ihrer Gattin!“ setzte er nach einer Weile stillen Nachdenkens hinzu; „setzen Sie mich wieder in meine alten Rechte ein! Wir stehen Alle auf der Stufe einer Sittlichkeit, daß Niemand von uns bei einem noch so trauten Verkehr etwas gefährdete!“

„Das war Ihrer würdig gedacht!“ entgegnete die junge Frau. „Ja, bleiben Sie unser Aller Freund und verzeihen Sie meinem Gatten und auch — meinen Eltern,“ setzte sie schmerzlich bewegt hinzu, „daß Ihnen so tiefes Herzeleid bereitet worden!“

„Ich klage Niemanden an als mich selbst!“ entgegnete Dr. Caspari tief bewegt. „Ein Jeder ist seines Glückes Schmied und wer zu rechter Zeit und mit rechter Energie in die Schicksalsräder eingreift, gestaltet sich sein Leben glücklich. Ich war ein Träumer, wo ich hätte handeln sollen —“

„Quäle Dich nicht mit Selbstanklagen!“ unterbrach Marie. „Ich bin so froh und glücklich, daß wir unsere Susi wieder haben, daß ich gar nicht zurückdenken mag, daß wir Sie verloren glaubten.“

„Du gute Seele!“ sagte Susi, die Freundin herzlich umarmend. „O, wie ist die Welt so schön, wenn wir uns von lauter guten Menschen umgeben wissen!“ setzte sie unter Thränen lächelnd hinzu.