Wieder und wieder las Susi diese wenigen Zeilen: „Sie athmen die Poesie eines gottgeweihten Herzens!“ sagte sie bewegt.
„Und doch wird es von so Vielen, selbst von der eigenen Mutter für gottlos gehalten!“ entgegnete Stern mit tiefem Seufzer.
„Guter Mann,“ entgegnete Susi; „Deine Mutter genügt ihrem religiösen Pflichtgefühl, wenn sie betet und die Gebote der Bibel befolgt, wir, wenn wir helfen und den Samen des Guten ausstreuen, wo wir können; unser Söhnchen wird wiederum einst unser Thun vielleicht belächeln; jede Generation hat ihre Ideale, und wer wahr und aufrichtig strebt, gut zu sein, verdient, daß man ihn anerkenne.“
Susi’s Mutter trat mit strahlendem Gesichte ein.
„Ich habe mir keine Zeit genommen, mich recht anzukleiden!“ rief sie überglücklich. „Bist Du es denn wirklich?“ fragte sie ihren Schwiegersohn, „von dem heute die ganze Stadt spricht!“
Stern war fast verlegen; er hatte nur beabsichtigt, der geliebten Frau eine Freude, keineswegs sich zum Mittelpunkt des Stadtgespräches zu machen.
„Nur schade,“ setzte die Mutter nach einer Weile hinzu, „warum hast Du es nicht für jüdische Arme an die jüdische Gemeinde gewiesen?“
„Da hättest Du schwerlich in meinem Sinne gehandelt!“ sagte Susi entschieden. „Wenn Jemand in Noth ist, so frage ich ihn nicht, zu welcher Religion er sich bekennt.“
„Hast Du aber schon gesehen, daß Christen für jüdische Arme testiren?“ fragte die Mutter fast beleidigt.
„Um so mehr ist es Pflicht, liebe Mutter,“ entgegnete Stern, „daß wir zeigen: Wer helfen will, helfe den Bedürftigen, gleichgiltig ob Jud, oder Christ, ob Muselmann.“