„Das sind nun wieder Eure freireligiösen Ansichten,“ sagte Frau Cahen; „nun, ich bin eine alte Frau und kann und mag sie nicht verstehen, aber das weiß ich, Gott lohnt das Gute bis in’s dritte und vierte Glied und er wird es Euch an Eurem Kinde lohnen, was Ihr Gutes gethan.“
VIII.
Der Mutter Prophezeiung schien in Erfüllung zu gehen; der kleine Berthold wurde ein ausnehmend schönes, kräftiges Kind; die junge Mutter fühlte all die Süßigkeiten, ihrem Kinde Alles sein zu können, sein erstes Lächeln zu belauschen, seinen Schlaf zu bewachen, es selbst an ihrer Brust zu nähren. Die Kinderstube war ihre Welt. Zwar war eine Wärterin angenommen, doch ließ Susi das Kind nicht von den Händen.
„Du gehst zu weit in Deiner Gewissenhaftigkeit!“ sagte ihr Gatte oft.
„Wie will ich von bezahlten Leuten das verlangen, das ich selbst nicht leiste?“ entgegnete ihm Susi.
An ihrer Hand machte das Kind die ersten Gehversuche, und — welche Freude durchzuckte das Mutterherz — als Berthold ein Jahr alt war, ging er bereits dem Vater einige Schritte entgegen! Dieser fing ihn hochbeglückt in seinen Armen auf, drückte ihn an sein Herz, doch trotz aller Freude schien die Wolke, die schon einige Zeit auf seiner Stirn lagerte, nicht zu vergehen.
Susi war so sehr mit ihrem Kinde beschäftigt, daß sie dieselbe nicht bemerkt hatte. Da sie seit der Geburt des Kleinen fast abgeschlossen von allen größeren Gesellschaften lebte, war ihr auch nicht zu Ohren gekommen, was man sich draußen erzählte. Sie hörte wohl von einer Geschäftskrisis, von schlechten Zeiten, doch legte sie dieser landläufigen Klage, die selbst in den günstigen Jahren beliebt ist, wenig Werth bei; sie wußte, daß ihr Mann in Eisenbahn-Papieren hoch speculirt habe, doch er hatte ja eine so sichere, glückliche Hand, daß noch keine Ahnung in ihr aufstieg, sein Vermögen könne gefährdet sein.
Stern hatte sich oft gesagt, es sei Pflicht, der Frau Einblick in die Vermögensverhältnisse zu gestatten, er hatte auch oft mit Darlegungen begonnen, doch Susi, die jedesmal glaubte, er beabsichtige nur, ihr eine Idee seines Reichthums zu geben, schnitt kurz ab und sagte, daß sie ja doch von Geschäftsoperationen nichts verstehe und es ihr vollständig gleichgiltig sei, ob ihr Vermögen in Türkenloosen oder amerikanischen Papieren oder Eisenbahn-Actien angelegt sei.
„Wenn ich aber einmal ungünstig speculire?“ hatte Stern wie zufällig gefragt.
„Du gehst so sicher zu Werke, daß dies kaum eintreten kann!“ antwortete Susi.